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24.04.2019 07:45:03 - dpa-AFX: VERMISCHTES: Kindern eine Familie geben - SOS-Kinderdörfer werden 70


IMST/TIRANA (dpa-AFX) - Wenn Fitim die Gitarre hervorholt, kommt im Haus der
SOS-Eltern Fllanza und Derwish Stimmung auf. Seine mit etwas dünner Stimme
vorgetragenen Elvis-Presley-Songs sorgen bei den vier "Geschwistern" im
Kinderdorf der albanischen Hauptstadt Tirana für Erheiterung. Die drei Mädchen
und zwei Jungen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren haben sichtlich Spaß. "Es ist
wie eine wirkliche Familie", schwärmt die Jüngste, die elfjährige Ana. "In der
Familie, aus der ich herkomme, waren wir sechs Brüder", sagt Fitim, der
14-jährige Nachwuchs-Elvis. "Hier habe ich jetzt auch Schwestern, und das ist
gut so."

SOS-Kinderdörfer gibt es auf der ganzen Welt. Ursprünglich für Waisen
angelegt, beherbergen sie heute vor allem Kinder, deren Eltern nicht für sie
sorgen können - wegen bitterer Armut, familiärer Gewalt oder anderer sozialer
Notlagen. Ein SOS-Kinderdorf besteht aus kleinen Häusern, in denen je eine
SOS-Familie wohnt: eine bestimmte Zahl von Kindern mit ihrer SOS-Mutter oder
zunehmend auch mit SOS-Eltern, wenn der Ehemann der Kinderdorf-Mutter einzieht
und zum SOS-Vater wird.

Begonnen hat alles vor 70 Jahren in den österreichischen Alpen. Der Zweite
Weltkrieg hatte nicht nur Dörfer und Städte arg beschädigt, sondern auch viele
Kinder zu Waisen gemacht. Der Medizinstudent Hermann Gmeiner, geprägt von
Kriegserlebnissen, fand in dieser düsteren Situation seine Berufung. Mit seinem
letzten Geld druckte er Flugblätter, die für seinen am 25. April 1949
gegründeten Verein "Societas Socialis" - abgekürzt: SOS - werben sollten.

Das Konzept: Statt in Waisenhäusern sollten Kinder in familienähnlichen
Gemeinschaften ein neues Zuhause finden. Der Zuspruch der Menschen war
überwältigend, die Spenden flossen unter dem Motto "Ein Schilling im Monat"
reichlich. Ins erste SOS-Kinderdorf im österreichischen Imst zogen 1951 40
Kinder mit ihren Kinderdorf-Müttern ein.

Heute umfasst die Landkarte der Organisation SOS-Kinderdörfer nicht weniger
als 135 Länder: In Uganda werden viele Waisenkinder betreut, die durch die
Immunschwächekrankheit Aids ihre Eltern verloren haben. In dem von Armut
geprägten Georgien erfahren viele Familien Hilfe in ihrer bitteren Not. In
Syrien kümmert sich die Organisation in drei Kinderdörfern um die vom Krieg
Gezeichneten und bemüht sich auch um eine Familienzusammenführung. Aktuell
profitieren laut Organisation rund 1,5 Millionen Menschen weltweit von den
Programmen.

Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas. Das SOS-Kinderdorf in der
Vorstadt Sauk im Südosten von Tirana lebt von der Unterstützung der
SOS-Organisationen in Deutschland und Österreich sowie von Spenden inländischer
Unternehmen. Projekte zur Aus- und Weiterbildung fördert das deutsche
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). In 13 Häusern leben
derzeit 63 Kinder, sagt Mimoza Manaj, die Projektleiterin von SOS-Kinderdörfer
für Tirana.

Dem Besucher fallen Hingabe und Engagement der Ersatzmütter und der anderen
Menschen auf, die sich hier um das Wohl der Kinder kümmern. Psychologinnen
arbeiten Traumata auf, an denen manche Kinder leiden, Logopädinnen helfen
Kindern, die mit Sprachfehlern und Leseschwierigkeiten ringen. Kunstlehrer und
-lehrerinnen fördern beim Malen, Basteln, Schneidern, Musikmachen und Tanzen das
kreative Potenzial der Kleinen zutage.

"Hier zu arbeiten hat was Magisches", betont Projektleiterin Manaj. Fllanza
(55) wurde zur SOS-Mutter, nachdem sie zwei leibliche Söhne großgezogen hatte.
Die jugendlich wirkende Frau mit wallendem schwarzen Haar dachte sich, dass "ich
durchaus noch den Elan und die Kapazität habe, für weitere Kinder zu sorgen".
Ihr Mann Derwish (62) ging als Polizeiinspektor in Rente. Anfangs kam er nur zu
Besuch in die "Familie" seiner Frau. Doch an einem bestimmten Punkt empfand der
grauhaarige, drahtige Ex-Beamte: "Ich möchte diesen Kindern etwas weitergeben."

Das klassische SOS-Kinderdorf, wie es Hermann Gmeiner in seiner Zeit
konzipiert hat, passt sich immer wieder neuen Anforderungen an und wird durch
zahlreiche Förderprogramme ergänzt. "Wenn es irgendwie geht, sollten Kinder in
der eigenen Familie aufwachsen", sagt Louay Yassin, der Sprecher von
SOS-Kinderdörfer weltweit. "Deshalb versuchen wir, gefährdeten Familien zu
helfen, bevor der Punkt erreicht ist, an dem die Kinder nicht mehr bei ihnen
belassen werden können."

Organisationen wie die SOS-Kinderdörfer brauchen viele Spenden - und die
Bundesbürger sind nach Erfahrungen des Deutschen Spendenrats dazu bereit. "Die
Deutschen helfen gern. Das freut uns sehr", sagt dessen Geschäftsführerin
Daniela Geue. 5,3 Milliarden Euro seien 2018 für gute Zwecke gegeben worden -
etwas mehr als im Vorjahr. Auch wenn die Menschen gern Natur- und Umweltprojekte
unterstützten, drei von vier Spenden-Euro gelten laut Geue der Hilfe für
Menschen. "Das Schicksal von Menschen und gerade Kindern bewegt viele
weiterhin." Insgesamt ist die Zahl der gemeinnützigen Vereine, die auf
Spendengelder hoffen, in Deutschland auf zuletzt 600 000 gestiegen. Die setzen
auch auf Gelder aus der Wirtschaft. Laut einer Studie von Stifterverband und
Bertelsmann Stiftung von 2018 gibt die Wirtschaft mindestens 9,5 Milliarden Euro
pro Jahr für das Gemeinwohl aus.

In Albanien läuft eine große Zahl von Programmen zur Stärkung von
gefährdeten Familien. Anstatt die Kinder ins SOS-Dorf zu holen, sollen den
Eltern bei entsprechenden Kursen Fertigkeiten für die Jobsuche, fürs berufliche
Weiterkommen, für die Gründung von Kleinunternehmen vermittelt werden. In Tirana
gibt es sogar einen "Väter-Club". Man habe die Erfahrung gemacht, dass
entgleiste Familien ohne die Einbeziehung der Väter häufig nicht wieder auf die
Bahn zu bringen sind, meint der Sozialarbeiter Festim Prognadi, der den Club im
eher ärmlichen Stadtteil Don Bosko betreut. Der 38-jährige Zenel war anfangs
skeptisch, ist aber heute froh, mitgemacht zu haben. "Früher konnte ich die
Liebe zu meinen Kindern nicht ausdrücken. Hier lernte ich, mit meinen Kindern,
mit meiner Frau zu kommunizieren. Mein Leben ist ein anderes
geworden."/mrd/gm/DP/zb
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