Seite als PDF speichern Seite drucken Seite aktualisieren

Nachrichten - Detailansicht

12.02.2019 10:03:23 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Von Nische zur Masse - Ist Bio bei Discountern Fluch oder Segen?


NÜRNBERG (dpa-AFX) - Als der Discounter Lidl im Herbst sein Bio-Sortiment
auf Bioland-Qualität umstellte, war die Überraschung groß: Der erste
Billiganbieter verkauft seither Lebensmittel mit dem strengen Siegel des
Anbauverbands, das sogar über die EU-Kriterien für den ökologischen Landbau
hinausgeht. Aber verträgt sich die Niedrigpreis-Strategie der Discounter mit den
Bio-Idealen von einer nachhaltigen, umweltschonenden Produktion?

Fakt ist: Die Deutschen kaufen immer mehr Bio-Produkte, die Branche
floriert. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) meldet vor Beginn der
Biofach-Messe in Nürnberg für das vergangene Jahr einen Branchenumsatz von
insgesamt 3,46 Milliarden Euro - ein Plus im Vergleich zum Vorjahr von 5,2
Prozent. Ähnlich gewachsen sein dürfte das Geschäft von Deutschlands
Ökolandbau-Betrieben. Sie erwirtschafteten nach Angaben des Bundes Ökologische
Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) im Jahr 2017 erstmals mehr als zehn Milliarden
Euro. "Immer mehr Kunden entscheiden sich an der Ladenkasse für immer mehr Bio",
bilanziert der Verband.

Der Wandel der Bio-Waren vom Nischen- zum Massenprodukt wird von manch einem Branchenvertreter durchaus gerne gesehen. "Wir müssen in die Breite gehen, wenn
wir das bewirken wollen, wofür wir angetreten sind", sagt BÖLW-Vorsitzender
Felix Prinz zu Löwenstein. Der ökologische Landbau dürfe nicht als ein
Nischenprojekt begriffen werden. Immer mehr Bauern stellten auf Ökolandbau um,
da sei es positiv, wenn im Handel mehr Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln
entstehe. Mit größeren Produktionsmengen sänken dann auch die Preise. Eine
existenzielle Bedrohung für den klassischen Naturkosthandel sieht er nicht. Die
Naturkosthändler hätten weiter eine Zukunft, weil sie dem Kunden eine größere
Produktauswahl und eine bessere Beratung böten.

BNN-Verbandschefin Elke Röder sieht die Entwicklung dagegen eher kritisch.
Zwar würden die Verbraucher für das Thema Nachhaltigkeit und umweltverträgliche
Produktion sensibilisiert, andererseits werde aber auch das falsche Signal
gesendet, dass Bio billig sei und Lebensmittel einen beliebig senkbaren Preis
hätten.

Es könnte ein gegenteiliger Effekt entstehen: Auf der einen Seite kämen laut Röder mehr Biolebensmittel in den klassischen Handel. Auf der anderen Seite
werde der Preiswettbewerb verstärkt und die Bauern würden noch stärker unter
Druck gesetzt, so dass sie nicht auf Pestizide und Nitratdünger verzichten
könnten. Dies gehe dann zu Lasten des Grundwassers und der Biovielfalt in der
Natur - Gemeinschaftsgüter, die die Kunden mit ihrem Bio-Einkauf eigentlich
schützen wollten.

Der Lebensmittel-Blogger Peer Schader sieht das Mitmischen von Discountern
beim Bio-Trend als Herausforderung für die reinen Bio-Märkte: "Es ist ein
deutliches Signal an den Bio-Fachhandel, endlich die Scheuklappen abzulegen."
Noch könnten die Biomärkte mit einer größeren Auswahl punkten. Es dürfte aber
nur eine Frage der Zeit sein, bis auch dieser Vorteil von der Konkurrenz
gekapert werde./mac/DP/jha

--- Von Herbert Mackert, dpa ---
  1. © 2000-2019 DZ BANK AG. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen.
  2. 2019 vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste GmbH
  3. Impressum