28.11.2020 07:30:03 - dpa-AFX: ROUNDUP: Iranischer Atomphysiker ermordet - UN-Chef für Zurückhaltung

TEHERAN/NEW YORK (dpa-AFX) - Nach der Ermordung eines hochrangigen
iranischen Atomphysikers und Schuldzuweisungen Teherans an die Adresse Israels
hat UN-Generalsekretär António Guterres Zurückhaltung angemahnt. Man habe
Berichte über den Vorfall zur Kenntnis genommen, teilte UN-Sprecher Farhan Haq
der Deutschen Presse-Agentur am Freitag (Ortszeit) in New York mit. "Wir fordern
Zurückhaltung und sehen es als notwendig an, dass Maßnahmen vermieden werden,
die zu einer Eskalation der Spannungen in der Region führen könnten."

Mohsen Fachrisadeh war am Freitag nach Angaben der Regierung in seinem Auto
angeschossen und schwer verletzt worden. Kurz darauf sei er in einem Krankenhaus
gestorben. Das iranische Verteidigungsministerium sprach bei Bekanntgabe der
Nachricht von einem "Märtyrertod". Außenminister Dschawad Sarif berichtete von
"ernstzunehmenden Hinweisen" auf eine Beteiligung Israels. Zunächst gab es
jedoch keine Klarheit, wer hinter dem Anschlag steckt.

Nach Medienberichten wurde Fachrisadeh in Ab-Sard erschossen, einem Vorort
östlich der Hauptstadt Teheran. Örtlichen Behörden zufolge wurden auch mehrere
Angreifer getötet. Das Verteidigungsministerium erklärte später in einer
offiziellen Mitteilung über das Staatsfernsehen:"Wir geben hiermit den
Märtyrertod von Dr. Mohsen Fachrisadeh bekannt."

Irans UN-Botschafter Madschid Tacht verwies in einem Schreiben an Guterres,
dass in den vergangenen zehn Jahren mehrere hochrangige iranische
Wissenschaftler "in terroristischen Anschlägen" getötet worden seien.
Verantwortlich dafür zeichneten "bestimmte ausländische Kreise". Die "feige"
Hinrichtung Fachrisadehs - bei der es errnsthafte Hinweise auf Israels
Verantwortung gebe - sei ein weiterer Versuch, die Region ins Chaos zu stürzen
und die wissenschaftliche Entwicklung Irans zu stören.

Der Kernphysiker war Mitglied der iranischen Revolutionsgarden und ein
Experte für die Herstellung von Raketen. Nach Informationen der iranischen
Nachrichtenagentur Fars sollen israelische Geheimdienste seit Jahren bemüht
gewesen sein, ihn auszuschalten. Zuletzt leitete Fachrisadeh die Abteilung für
Forschung und technologische Erneuerung im Verteidigungsministerium.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte ihn im Frühjahr 2018 im
Zusammenhang mit einer Präsentation über das iranische Atomprogramm
hervorgehoben. "Merken Sie sich diesen Namen: Fachrisadeh", sagte Netanjahu
damals. Irans Außenminister Sarid appellierte nun auf Twitter insbesondere an
die Europäische Union, "ihre beschämenden Doppelstandards aufzugeben und diesen
Akt des Staatsterrors zu verurteilen".

Israel und der Iran sind Erzfeinde. Der Zerfall Israels und die "Befreiung
Palästinas" gehören zur außenpolitischen Doktrin der Islamischen Republik. Der
jüdische Staat sieht sich durch den schiitischen Iran und sein Atomprogramm in
seiner Existenz bedroht. Jüngst hatte Irans oberster Führer Ajatollah Ali
Chamenei Israel als "Geschwulst" bezeichnet, das mit einem Dschihad (Heiliger
Krieg) der Palästinenser entwurzelt und entfernt werden müsse.

Unter Präsident Donald Trump hatten die USA ein internationales Abkommen,
das den Iran am Bau einer Atombombe hindern soll, 2018 einseitig aufgekündigt
und neue Sanktionen gegen die Regierung in Teheran verhängt. Nach einer Frist
von einem Jahr, in der Teheran die anderen Vertragspartner vergeblich zur
Vertragseinhaltung drängte, hatte der Iran schrittweise ebenfalls fast alle
Bestimmungen des Abkommens ignoriert. Ungewiss ist, ob die USA unter dem
neugewählten Präsidenten Joe Biden zum Atomdeal zurückkehren könnten.

Im Sommer hatte es eine mysteriöse Brand- und Explosionsserie im Iran
gegeben. Sie betraf unter anderem eine Atomanlage. Die Ursachen blieben meist
unklar. Dies bot Raum für Spekulationen - auch über Israel als möglichen
Urheber.

Die USA äußerten sich zunächst nicht zu der Ermordung. Präsident Trump
leitete aber über seinen Twitter-Account unkommentiert einen Tweet des
israelischen Journalisten Yossi Melman zum Tod Fachrisadehs weiter. Darin
schrieb Melman, Fachrisadeh sei der Leiter des geheimen iranischen
Militärprogramms gewesen und seit Jahren vom israelischen Geheimdienst Mossad
gesucht worden. Sein Tod sei ein schwerer Schlag für den Iran. Melman äußerte
sich in einem weiteren Tweet "verwirrt" über Trumps Retweet./str/fmb/DP/zb

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