28.11.2020 07:30:03 - dpa-AFX: ROUNDUP: Katastrophe nicht in Sicht - Regionalbanken widerstehen Corona

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Ungeachtet düsterer Warnungen vor einer bevorstehenden
Pleitewelle gibt es in der Corona-Krise einen Lichtblick: Die deutschen
Regionalbanken zeigen sich widerstandsfähig. Bislang gibt es bei Volks- und
Raiffeisenbanken sowie den Sparkassen weder große Kreditausfälle noch eine
dramatische Erhöhung der Risikovorsorge, wie die jeweiligen Bundesverbände
berichten. "Die Regionalbanken sind letztlich ein Fels in der Brandung", sagt
Heinz-Gerd Stickling, Bankenfachmann bei dem in der Finanzbranche bekannten
Beratungsunternehmen zeb in Münster.

Mehrere große Banken haben in den vergangenen Monaten die Risikovorsorge für potenziell faule Kredite stark erhöht, darunter die Commerzbank
und mehrere Landesbanken. Nach den Rezessionen der Vergangenheit kamen die
Insolvenzwellen in der Regel erst, als die Talsohle der jeweiligen Krise bereits
durchschritten war. "Auch dieses Mal werden die Unternehmensinsolvenzen ihren
Höhepunkt im Aufschwung finden, das heißt 2021/22", sagt zeb-Experte Stickling.

"Unter Modellannahmen dürften die Wertberichtigungen in den kommenden
Quartalen stark zunehmen und im zweiten Quartal 2021 ihren höchsten Wert
annehmen", heißt es bei der Bundesbank in Frankfurt.

Damit wären die Wertberichtigungen ungefähr so hoch wie während der globalen Finanzkrise 2009. Die Bundesbank ist aber optimistisch: "Dennoch sollte der
deutsche Bankensektor, insbesondere die Sparkassen und Kreditgenossenschaften,
aufgrund seiner soliden Eigenkapitalausstattung in der Lage sein, diesen Anstieg
an Wertberichtigungen zu verkraften."

Wenn Banken bei der Kreditvergabe die Zügel anziehen, kann das im
ungünstigen Fall zu einem Teufelskreislauf führen: "Denn für die Finanzierung
der wirtschaftlichen Erholung müssen Banken Kredite ausgeben können, dafür ist
aber nicht mehr viel Luft vorhanden", sagt Philip Wackerbeck, Bankenexperte bei
Strategy&, der Unternehmensberatung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC.
"Gerade in Deutschland haben die Banken das Problem, dass sie viel zu wenig
verdienen, um ihre Reserven aus eigener Kraft auffüllen zu können."

Doch die regionalen Häuser kommen bisher offensichtlich gut durch die Krise. Die Sparkassen würden in der Lage sein, "ihr Eigenkapital aufzustocken
beziehungsweise neue Reserven für den weiteren Pandemieverlauf anzulegen", sagt
ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Und beim Bundesverband
der Raiffeisenbanken und Volksbanken (BVR) heißt es: "Bis jetzt sind nur sehr
vereinzelt höhere Kreditrisiken bei Firmenkunden der Genossenschaftsbanken
erkennbar."

Nach Bundesbank-Zahlen funktioniert die Kreditvergabe in Deutschland in der
Corona-Krise bislang uneingeschränkt, die Kreditbestände an Nichtbanken im
Inland und Euro-Ausland wuchsen von Jahresbeginn bis September um 3,3 Prozent.

"Es heißt immer, dass eine große Insolvenzwelle auf uns alle zurollen werde, und diese besonders die Kunden der Regionalbanken treffen werde", sagt Jürgen
Gros, der Präsident des bayerischen Genossenschaftsverbands. "Das ist so nicht
erkennbar."

Doch warum ist die Lage bei den Regionalbanken offensichtlich weniger düster als von manchen Auguren befürchtet? "Die Covid-19 Rezession unterscheidet sich
sehr stark von klassischen Rezessionen", meint zeb-Bankenexerte Stickling.

Normalerweise geht einer Rezession eine längere Wachstumsschwäche voraus, so dass viele Firmen zu Beginn der eigentlichen Rezession bereits nicht mehr bei
vollen Kräften sind.

"Die Covid-19 Rezession kam quasi über Nacht und ohne Vorwarnung und sie ist eigentlich eine Rezession in Zeitlupe, weil es Rettungspakete in historischer
Dimension gibt, die vieles abfedern und verzögern", sagt Stickling. "Im
Vergleich zur Dotcom-Krise 2000 und zur großen Finanzmarktkrise 2008 sind sowohl
die Unternehmen als auch die Banken mit sehr viel mehr Eigenkapital ausgestattet
und deutlich robuster."

Regionalbanken betreuen vor allem mittelständische Kunden, die in Summe von
der Corona-Krise bislang weniger hart getroffen wurden als große Industrie-und
Dienstleistungskonzerne.

So ist der sowohl für Sparkassen als auch Volks- und Raiffeisenbanken
wichtige Wohnungsbau kaum beeinträchtigt. Die sprichwörtlichen Häuslebauer
mörteln unverdrossen.

"Allein bei den Wohnungsbaukrediten verzeichnen die (bayerischen) Institute
seit Anfang des Jahres bis Ende September auf Seite der Privatkunden ein
Wachstum von durchschnittlich fast sieben Prozent", sagt GVB-Präsident Gros.
"Ein großer Teil der Aktiva ist bei den Regionalbanken in der
Wohnungsbaufinanzierung gebunden", meint Stickling. "Da sind wir
tiefenentspannt."

Ein zweiter Faktor: "Eine der wichtigsten Kundengruppen der regionalen
Kreditgenossenschaften ist das Handwerk, und die meisten Handwerker haben volle
Auftragsbücher", sagt GVB-Präsident Gros. "Das Bauhandwerk ist nach wie vor voll
ausgelastet. Viele andere Handwerker kamen mit den Corona-Hilfen gut über die
Runden." Der kleinere Mittelstand im produzierenden Gewerbe sei nach dem ersten
Lockdown relativ schnell wieder ins Arbeiten gekommen und von den aktuellen
Einschränkungen auch nicht betroffen.

All dies bedeutet allerdings nicht, dass bei den Regionalbanken eitel
Sonnenschein herrschen würde. Für deren Hauptproblem ist nach wie vor keine
Lösung in Sicht: Die Null- und Negativzinspolitik der EZB, die die Gewinne Jahr
um Jahr schrumpfen lässt. "Das ist langfristig die große Herausforderung", sagt
Stickling. "Um die sinkenden Zinserträge aufzufangen, müssen die Banken mit den
Kosten weiter runter und sich neue Ertragsquellen erschließen."/cho/DP/zb
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