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20.08.2026 09:02:16 - OTS: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) / "Ein Hitzetag kostet ...

"Ein Hitzetag kostet Deutschland 431 Millionen Euro" / Interview mit
Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen
Unfallversicherung (DGUV) (FOTO)
Berlin (ots) - Hitze senkt die Leistungsfähigkeit, erhöht das Unfallrisiko und
kostet die deutsche Wirtschaft Milliarden. Gleichzeitig verändern
Vegetationsbrände, Starkregen und neue gesundheitliche Belastungen die
Arbeitswelt. Die Folgen des Klimawandels sind deshalb auch ein Thema für die
gesetzliche Unfallversicherung. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der
Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), sieht Prävention als
Wirtschaftsfaktor.

Herr Fasshauer, ein einziger Hitzetag mit mehr als 30 Grad kostet die deutsche
Wirtschaft nach aktuellen Berechnungen rund 431 Millionen Euro. Überrascht Sie
diese Zahl?

Fasshauer: Die Größenordnung, die Prognos im Auftrag des
Bundesarbeitsministeriums ermittelt hat, ist bemerkenswert, überrascht uns aber
nicht. Hitze senkt Produktivität, Konzentration und Reaktionsfähigkeit, das
Unfallrisiko steigt. Die Folgen des Klimawandels sind längst auch eine
wirtschaftliche Frage.

Nun sind Sie Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
und nicht Chef eines Wirtschaftsforschungsinstituts. Warum ist das Ihr Thema?

Fasshauer: Weil unser Auftrag nicht erst beginnt, wenn ein Arbeitsunfall
passiert ist. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist Prävention. Wenn sich
Risiken in der Arbeits- und Bildungswelt verändern, müssen wir uns damit
beschäftigen: Hitze, Starkregen und Hochwasser, Vegetationsbrände, Allergene
oder neue Infektionsrisiken. Das wird sehr konkret - für den Dachdecker bei weit
über 39 Grad, den Erzieher in einer aufgeheizten Kita, die Pflegekraft oder das
Mitglied der freiwilligen Feuerwehr bei einem Waldbrand-Einsatz.

Trotzdem: Die gesetzliche Unfallversicherung ist keine Klimaschutzorganisation.

Fasshauer: Nein. Wir machen keine Klimapolitik. Wir sehen uns an, wo sich durch
den Klimawandel Risiken für Sicherheit und Gesundheit verändern - und was wir
präventiv dagegen tun können. Das ist unser gesetzlicher Auftrag.

Aber Hitze gab es auf Baustellen auch vor 30 Jahren. Was ist daran neu?

Fasshauer: Häufigkeit und Intensität. Die Zahl der heißen Tage mit mindestens 30
Grad hat sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren etwa verdreifacht. Und wir
sehen den Effekt in unseren eigenen Daten: Ab 30 Grad gibt es etwa acht Prozent
mehr Arbeitsunfälle als bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Bei
Wegeunfällen im Straßenverkehr sind es sogar rund 17 Prozent mehr. Für jemanden
auf einem Gerüst, an einer Maschine oder hinter dem Steuer kann nachlassende
Konzentration schwerwiegende Folgen haben.

Wird der Klimawandel zum Standortproblem?

Fasshauer: Das ist er schon. Allein 2023 gingen in Deutschland schätzungsweise
37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren. Prävention hilft, Ausfälle zu
vermeiden, Leistungsfähigkeit zu sichern und Menschen gesund zu halten. Gerade
wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, brauchen Unternehmen und Beschäftigte
verlässliche Strukturen. Die gesetzliche Unfallversicherung kann sie dabei
unterstützen, die Risiken früh zu erkennen und praktikable Antworten zu
entwickeln.

Sind die Unternehmen darauf vorbereitet?

Fasshauer: Viele sind weiter, als man vielleicht vermutet. Unsere Befragungen
zeigen, dass klimabedingte Risiken in vielen Betrieben längst wahrgenommen
werden und Maßnahmen laufen. Natürlich hat ein Industriekonzern andere
Möglichkeiten als ein Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten. Deshalb brauchen
wir branchengerechte Lösungen. Berufsgenossenschaften und Unfallkassen kennen
die Betriebe sehr genau. Und in unserer Selbstverwaltung gestalten Arbeitgeber
und Versicherte gemeinsam. Präventionsmaßnahmen durchlaufen damit gewissermaßen
schon vorab einen Praxistest: Sind sie wirksam, praktikabel und akzeptabel?

Was heißt das konkret? Klimaanlagen für alle?

Fasshauer: Nein. Manchmal helfen schon Verschattung, Nachtauskühlung, eine
Verlagerung schwerer Tätigkeiten in kühlere Tageszeiten oder Cooldown-Phasen.
Wir brauchen keine Parallelwelt des "Klima-Arbeitsschutzes". Die Instrumente
sind da. Entscheidend ist, dass die Lösungen zur Tätigkeit passen und handhabbar
bleiben. Unser Credo lautet: so viel Regulierung wie nötig, aber so wenig wie
möglich.

Eine besonders exponierte Gruppe sind Feuerwehrleute. 2025 brannten in
Deutschland 2.626 Hektar Wald - mehr als dreimal so viel wie im langjährigen
Durchschnitt. Was bedeutet das für Sie?

Fasshauer: Vegetationsbrände zeigen, wie Risiken zusammenkommen. Gerade
Einsatzkräfte leisten schwere körperliche Arbeit bei großer Hitze und unter
Schutzkleidung, das können wir dieser Tage bei den großen Bränden wie in der
Eifel alle live verfolgen. Dabei sind sie auch Brandrauch und krebserzeugenden
Stoffen ausgesetzt. Deshalb untersucht unser Institut für Prävention und
Arbeitsmedizin, welchen Gefahrstoffen die Einsatzkräfte ausgesetzt sind und wie
hoch ihre körperliche Belastung ist. Unser Institut für Arbeitsschutz ergänzt
diese Forschung unter anderem durch Luftmessungen. Daraus können konkrete
Schutzmaßnahmen entstehen. Die Feuerwehr-Unfallkassen sorgen als Partner der
Feuerwehren nicht nur für den Versicherungsschutz, sondern tragen auch dafür
Sorge, dass wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in wirksame Prävention für die
Einsatzkräfte übersetzt werden.

Hitze dominiert derzeit die Debatte. Welche Risiken geraten dabei aus dem Blick?

Fasshauer: Zum Beispiel Allergien und Infektionskrankheiten. Längere
Vegetationsperioden verändern den Pollenflug, auch Zecken und Mücken und die von
ihnen übertragenen Erkrankungen spielen eine Rolle. Hinzu kommen Starkregen und
Hochwasser mit Risiken durch kontaminierten Schlamm, biologische Arbeitsstoffe,
Gefahrstoffe oder Strom. Und Hitze wirkt auch psychisch: Sie kann Schlaf und
Konzentration beeinträchtigen und die Reizbarkeit erhöhen. Klimawandelfolgen
sind eben nicht ein einzelnes neues Risiko, sondern verändern ein ganzes
Spektrum von Belastungen.

Andere Weltregionen leben längst mit extremeren klimatischen Bedingungen.

Fasshauer: Gerade deshalb können wir international viel lernen. Wir arbeiten
seit Jahrzehnten mit Arbeitsschutz- und Sozialversicherungsinstitutionen
weltweit zusammen, unter anderem in Asien und Afrika. Uns interessiert: Wie
organisieren andere Arbeit bei extremer Hitze? Welche technischen oder
organisatorischen Lösungen bewähren sich? Internationale Zusammenarbeit ist für
uns keine Einbahnstraße. Regionen, die mit solchen Bedingungen länger umgehen,
verfügen über Erfahrungen, die auch für uns wertvoll sind.

Ist Deutschland ausreichend klimafest?

Fasshauer: Wir haben leistungsfähige Strukturen und viel Wissen. Die
Herausforderung ist, dieses Wissen schneller in die Fläche zu bringen. Schon
2022 sahen in unserer Beschäftigtenbefragung 62 Prozent Handlungsbedarf bei
Hitze in Innenräumen, knapp die Hälfte bei Arbeit im Freien und mehr als 40
Prozent bei psychischen Belastungen und Extremwetter. Das Thema ist angekommen.
Jetzt müssen aus Erkenntnissen Routinen werden.

Braucht es dafür mehr Regeln und Gesetze?

Fasshauer: Nicht jede neue Herausforderung braucht automatisch ein neues
Regularium. 30 Grad im Büro sind etwas anderes als 30 Grad bei schwerer
körperlicher Arbeit auf einem Dach. Wir müssen das bestehende Schutzniveau unter
veränderten Bedingungen sichern - zielgenau und ohne unnötige zusätzliche
Belastungen für die Betriebe und Einrichtungen.

Was wäre für Sie in fünf Jahren ein Erfolg?

Fasshauer: Dass klimabedingte Risiken selbstverständlich mitgedacht werden, wo
sie relevant sind: in der Kita, im Handwerksbetrieb, bei der Feuerwehr oder in
einer Kommune, die sich auf Starkregen vorbereitet. Die gesetzliche
Unfallversicherung ist seit mehr als 140 Jahren erfolgreich, weil sie sich an
eine veränderte Arbeitswelt anpassen kann. Das müssen wir auch jetzt tun:
Risiken früh erkennen, wissenschaftlich untersuchen und Lösungen entwickeln, die
in der Praxis funktionieren. Damit schützen wir Menschen - und tragen dazu bei,
dass Wirtschaft und Gesellschaft leistungs- und handlungsfähig bleiben.

Sie möchten mit Dr. Stephan Fasshauer zum Thema sprechen? Die DGUV-Pressestelle
vermittelt Interviewanfragen und steht für weitere Auskünfte zur Verfügung:

E-Mail mailto:presse@dguv.de

Telefon 030-1300 114 14

Pressekontakt:

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV)
Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften
und der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand
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Pressesprecher Stefan Boltz
Tel.: +49 30 13001-1414
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Quelle: dpa-AFX

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