23.06.2024 14:51:59 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Wie sich Südeuropa gegen Waldbrände wappnet

MADRID/ROM/ATHEN (dpa-AFX) - Groß ist die Sorge in den Urlaubsregionen
Südeuropas, dass der Sommer so wird wie der vergangene: mit Wald- und
Buschbränden, die nur schwer unter Kontrolle zu bringen sind. In Griechenland
brachen in den vergangenen Tagen bereits alle drei Minuten neue Feuer aus, die
aber schnell gelöscht wurden. Der für Zivilschutz zuständige Minister Vassilis
Kikilias warnte im griechischen Rundfunk: "Selbst ein Funke kann Vernichtung und
Zerstörung anrichten."

Mehrere Menschen starben bei den Waldbränden in Südeuropa im vergangenen
Jahr, zahllose Tiere verendeten, die Flammen ließen Hunderttausende Hektar Wald-
und Buschgebiete als verkohlte Wüsten zurück. Einsatzkräfte in Portugal,
Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland und der Türkei sowie auf Zypern
bereiten sich auf neue Brände vor. Ob nun absichtlich oder fahrlässig - mehr als
90 Prozent der Brände gehen auf menschliches Verschulden zurück, sagen Experten.
Ein Überblick:

Säuberung der Wälder in Spanien und Portugal

Nach mehreren Dürrejahren hat es in Spanien und Portugal zuletzt wieder mehr geregnet. Ob die hohe Waldbrandgefahr dadurch sinkt, ist aber noch unklar. Denn
bodennahe Vegetation wächst dank des Regens schneller und kann später in den
trockenen Sommermonaten als eine Art Brandbeschleuniger wirken. Den Winter über
waren Waldarbeiter damit beschäftigt, totes Gehölz aus den Wäldern zu holen.
Generelle Zugangsverbote zu Wäldern gibt es in beiden Ländern nicht.

Spanien verfügt über etwa 42 000 Feuerwehrleute und im Notfall über
Zehntausende weitere Helfer. Die Brandbekämpfung ist Sache der Regionen. Das
Umweltministerium in Madrid hält zudem zehn Brigaden zu je 60 Spezialisten
bereit, die jederzeit mit Hubschraubern an Brennpunkte im ganzen Land verlegt
werden können. Hinzu kommt die militärische Nothilfeeinheit UME mit 4000
Berufssoldaten. Spanien verfügt über 31 Flugzeuge und 31 Hubschrauber zur
Brandbekämpfung und eine moderne Flotte geländegängiger Feuerwehrautos. Oft
helfen auch Bauern, die mit schwerem Gerät Schneisen als Brandbarrieren in die
Vegetation schlagen. In Portugal stehen mehr 30 000 Berufsfeuerwehrleute und
Helfer bereit.

Prävention in Frankreich

In Frankreich ist erneut eine landesweite Kampagne angelaufen, um Brände zu
verhindern. Mit dem Klimawandel habe die Gefahr von Bränden in der Natur
zugenommen und betreffe inzwischen praktisch die gesamte Landesfläche, teilte
das Innenministerium mit. 2023 gab es eineinhalbmal so viele Waldbrände wie im
langjährigen Mittel. Der erste größere Vegetationsbrand dieses Jahres tobte
bereits.

Die Kampagne setzt auf Prävention: Ein spezieller Wald-Wetterbericht warnt
vor den Gefahren von Bränden, außerdem sind Forstbeamte verstärkt zur
Überwachung in den Wäldern unterwegs. Drohnen sind im Einsatz, um Brände
schneller zu entdecken. Für das Anpassen der Wälder an den Klimawandel gibt es
Finanzhilfen, etwa für das Anpflanzen bestimmter Baumsorten. Binnen zehn Jahren
soll eine Milliarde neuer Bäume angepflanzt werden, um die Wälder zu stärken.

Ausgebaut wurden auch die Mittel des Zivilschutzes und der Feuerwehr. Die
Zahl der Löschflugzeuge und Hubschrauber stieg im vergangenen Jahr von 38 auf 47
und die Zahl der Feuerwehrkolonnen wurde von 44 auf 51 erhöht, das sind immerhin
500 Feuerwehrleute zusätzlich. Der Anspruch ist, in gefährdeten Regionen binnen
zehn Minuten nach der Meldung eines Feuers mit dem Löscheinsatz zu beginnen.

Kampagnen in Italien

Allein im Sommer 2023 sind in Italien nach Angaben der Umweltbehörde Ispra
mehr als 75 000 Hektar Wald verbrannt. Besonders betroffen sind die Regionen im
Süden des Landes wie Kalabrien, Apulien oder die großen Inseln Sizilien und
Sardinien. Die Ausbreitung der Brände wird in den Sommermonaten begünstigt durch
Hitzewellen mit Trockenheit und den für das Gebiet üblichen Schirokko-Wind. Oft
ist jedoch auch Brandstiftung der Grund für die Brände.

Der italienische Zivilschutz und die Feuerwehr starten jährlich vor dem
Sommer Kampagnen, um die Bevölkerung für die Waldbrandgefahr zu sensibilisieren.
In diesem Jahr haben die Behörden nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre
aufgerüstet: Neue Löschflugzeuge und -hubschrauber sowie weiteres schweres Gerät
wurden angeschafft. Außerdem setzen die Einsatzkräfte vermehrt Drohnen ein, um
die gefährdeten Gebiete im Blick zu behalten. In einigen Gegenden wurde zudem
das Hydranten-Netz zur Wasserversorgung ausgebaut.

Zur Prävention werden zudem jedes Jahr die Maßnahmen zur Waldpflege
angepasst. Wo möglich, werden Niederwälder in Hochwälder umgewandelt und
feuerfeste Bäume gepflanzt. Vor der Saison wird auch Unterholz, also etwa
Sträucher, ausgedünnt und beseitigt. Der Waldbrandschutz obliegt in Italien
jedoch den Regionen, daher gibt es in dem Mittelmeerland einen Flickenteppich
von Regeln. Mancherorts gilt etwa an oder in Wäldern ein Fahr- und Parkverbot
für Autos oder sogar das Verbot, ein Waldgebiet überhaupt zu betreten.

Mehr Flugzeuge in Griechenland und auf Zypern

Athen hat im April angekündigt, 2,1 Milliarden Euro in den
Katastrophenschutz zu investieren. Im vergangenen Jahr waren in Griechenland
mindestens 25 Menschen bei Wald- und Buschbränden ums Leben gekommen, die
verbrannte Fläche betrug rund 170 000 Hektar, der Brand nahe der
nordgriechischen Hafenstadt Alexandroupolis galt als größter Waldbrand, der je
in der EU verzeichnet wurde. Die Brände seien "extreme Phänomene, die zeigen,
dass nichts mehr so sein wird wie bisher", sagt Ministerpräsident Kyriakos
Mitsotakis mit Blick auf die Klimakrise.

Griechenland verfügt über 90 Löschflugzeuge und -hubschrauber, weitere 5
sollen bis 2025 angeschafft werden, ebenso wie Hunderte neue Fahrzeuge für die
Feuerwehr. Auch in die Infrastruktur des Katastrophenschutzes, die technische
Ausstattung und neue Technologien soll Geld fließen, etwa in Drohnen, die
Brandherde in unzugänglichen Gebieten frühzeitig ausfindig machen könnten.

Bislang gibt es in Griechenland rund 14 100 Feuerwehrleute. Hinzu kommen
2500 Kräfte, die nur im Sommer im Einsatz sind. Zusammen mit rund 4100
Freiwilligen sind es mehr als 21 000 Brandbekämpfer. Auch Privatleute bereiten
sich vor. Wenn die Feuerwehr vor lauter Bränden nicht mehr hinterherkommt, sind
sie es, die ihre Häuser und Dörfer in Eigenregie vor den Flammen retten.

Die Strafen für Brandstiftung hat die Regierung drastisch erhöht. Neben
Geldbußen im fünfstelligen Bereich können nun selbst bei fahrlässiger
Brandstiftung Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verhängt werden. Außerdem trat
im Juni ein Gesetz in Kraft, das Grundstücksbesitzer in bestimmten Fällen dazu
verpflichtet, ihre Grundstücke von Unterholz und Gebüsch zu reinigen.

Nach dem ersten großen Waldbrand auf Zypern hat vergangene Woche auch der
zyprische Präsident Nikos Christodoulidis den Kauf von Löschflugzeugen
angekündigt - bei dem Feuer auf dem höchsten Berg der Insel mussten
Löschflugzeuge aus Griechenland und Jordanien zu Hilfe kommen.

Wälder in der Türkei tabu

Die meisten Wälder in der Türkei sind im Sommer tabu. So sperrten die
Behörden in zahlreichen Provinzen schon Anfang Juni den Zugang zum Wald. Denn
oft werden die Brände von Menschen verursacht, etwa durch weggeworfene
Zigarettenstummel oder Grillen. In der durch Dürreperioden ausgetrockneten
Vegetation können sich Waldbrände dann schneller ausbreiten. Nach scharfer
Kritik in der Vergangenheit hat die Türkei auch in der Vorsorge aufgerüstet: So
sind 26 Flugzeuge, 14 Drohnen und 105 Helikopter in Dauerbereitschaft./axa/DP/he

© 2000-2024 DZ BANK AG. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen | Impressum
2024 Infront Financial Technology GmbH