01.07.2024 18:11:15 - dpa-AFX: SPORT/ROUNDUP 2/'Unglaublich': Eritreer Girmay gewinnt sensationell Tour-Etappe

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TURIN (dpa-AFX) - Biniam Girmay weinte nach seinem größten Karriereerfolg.
Der 24-Jährige aus Eritrea feierte unter Tränen als erster Radprofi des
afrikanischen Landes einen Erfolg bei der Tour de France. Der Radprofi aus dem
belgischen Intermarché-Team um den Augsburger Georg Zimmermann war am Montag im
Schatten des Stadio Olimpico in Turin zunächst sprachlos. "Ich kann es nicht
glauben, bei meiner zweiten Teilnahme bei der Tour de France zu gewinnen", sagte
er nach dem Rennen. Der gläubige Mann bedankte sich bei Gott, widmete den Sieg
seinen Landsleuten und seiner Familie. "Es bedeutet mir viel, besonders für den
Kontinent", sagte er überglücklich.

Girmay siegte überraschend auf der dritten Etappe nach den 230,8 flachen
Kilometern zwischen Piacenza und der nördlichen Metropole Turin in einem
hektischen Schlussspurt vor dem Kolumbianer Fernando Gaviria und dem Belgier
Arnaud de Lie. Es war der erste Sieg für das Intermarché-Team. Beim Teambus
herrschte Partystimmung. Sportdirektor Aike Visbeek schwärmte: "Das ist sehr
wichtig für sein ganzes Land." Er hoffte, dass durch den "Botschafter" Girmay
mehr Menschen aus seiner Heimat zum Radsport gelangten.

Girmay: "Es ist unglaublich"

Girmay schrieb in der norditalienischen Stadt Turin Radsportgeschichte. Der
Junge aus Asmara, ausgezogen aus einem der ärmsten Länder der Welt, um seinen
Traum zu leben, hat es tatsächlich geschafft und für ein Novum bei der 111.
Auflage gesorgt. "Als ich im Radsport gestartet bin, hätte ich mir nie
vorstellen können, bei der Tour de France zu starten." Er bezeichnete seinen
Sieg als "unglaublich."

Über das Entwicklungsprogramm des Radsport-Weltverbandes UCI war Girmay
einst nach Europa gekommen, um schließlich bei den Profis durchzustarten. 2022
hatte Girmay schon historische Erfolge gefeiert, als er den Klassiker
Gent-Wevelgem gewann und eine Etappe beim Giro d'Italia holte, ehe er die
Rundfahrt unglücklicherweise verlassen musste, weil er sich bei der Siegerehrung
einen Sektkorken ins Auge schoss. Team-Kollege Zimmermann lobte seinen Kollegen,
der immer "für eine Überraschung gut ist".

Eine kleine Überraschung gab es auch in der Gesamtwertung. Das Gelbe Trikot
des Gesamtersten übernahm Richard Carapaz von Superstar Tadej Pogacar. Der
Ecuadorianer profitierte davon, dass er auf der Sprintetappe einige Plätze vor
Pogacar lag. Insgesamt sind in der Gesamtwertung vier Fahrer zeitgleich, dabei
auch der Titelverteidiger Jonas Vingegaard und der belgische Jungstar Remco
Evenepoel. Bei der Ermittlung des Gesamtersten liegt dann der Radprofi vorn, der
im Schnitt die besten Platzierungen vorzuweisen hat.

Aldag trotz Zeitverlust von Roglic gelassen

Unter den besten Vier ist aktuell nicht Primoz Roglic zu finden. Wie
erwartet machte der Shootingstar des deutschen Top-Teams Red Bull keinen großen
Sprung zurück in die Riege der anderen Topfahrer. Am Vortag war der Abstand des
Slowenen auf Landsmann Pogacar, Vingegaard und Evenepoel auf 21 Sekunden
angewachsen. Sein Team blieb aber entspannt. "Wir haben ein bisschen Zeit
verloren, aber gefühlt nicht die Tour verloren. Und das ist schon mal gut",
sagte Sportchef Rolf Aldag.

Nach zwei kräftezehrenden Tagen in Italien bei hohen Temperaturen hatte es
sich zum Wochenbeginn abgekühlt. Im Fahrerfeld waren weniger Kühlpacks im Nacken
und Eiswesten sichtbar. Mark Cavendish dürfte kräftig durchgepustet haben. Am
ersten Tag brach er schon nach dem Start in Florenz beim ersten Anstieg ein,
musste sich übergeben und schaffte es nur mit Mühe und Not mit einem Rückstand
von 39 Minuten nach dem französischen Tagessieger Romain Bardet ins Ziel.

Cavendish mit mechanischem Defekt

Am dritten Tour-Tag erlebte Cavendish, der unbedingt seinen 35. Etappensieg
einfahren will und so den alleinigen Rekord vor Legende Eddy Merckx beanspruchen
würde, wieder einen kleinen Rückschlag. 89 Kilometer vor dem Ziel hatte er ein
mechanisches Problem und fiel zurück. Allerdings kehrte er kurz darauf wieder
ins Fahrerfeld zurück, das über das gesamte Rennen größtenteils geschlossen
blieb.

Erst knapp 66 Kilometer vor dem Ziel startete der Franzose Fabien Grellier
eine gehaltvolle Attacke, schnappte sich die Bergpunkte an der Côte de Sommariva
Perno und wurde knapp 28 Kilometer vor dem Ende der Etappe wieder eingeholt.
Danach war bei den Teams alles auf den Massensprint ausgerichtet.

Philipsen und van der Poel im Pech

Der belgische Sprintkönig Jasper Philipsen ging leer aus, landete nicht in
den Top Zehn und verpasste seinen siebten Tour-Erfolg. Philipsens wichtigster
Helfer Mathieu van der Poel, aktueller Weltmeister, hatte ausgerechnet sechs
Kilometer vor dem Ziel einen Defekt und konnte seinem Team-Kollegen nicht mehr
entscheidend helfen. Der deutsche Sprinter Phil Bauhaus wurde Sechster. Auch
Routinier Mark Cavendish kam nicht in die Nähe seines angestrebten alleinigen
Etappensieg-Rekords.

Am Dienstag könnte es bei den Top-Favoriten um Pogacar und Vingegaard
größere Veränderungen in der Gesamtwertung geben. Die Profis fahren über den
2642 Meter hohen Tour-Klassiker Col du Galibier. Insgesamt stehen bei den ersten
Rennkilometern in Frankreich nach dem Beginn in Italien 139,6 Kilometer von
Pinerolo nach Valloire an./tas/DP/jha

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