13.09.2019 10:07:10 - Experte: Zertifikate-Branche ringt mit Regulierung und wird digitaler

FRANKFURT (dpa-AFX) - Elf Jahre nach dem Imageschaden durch die Lehman-Pleite hat die Zertifikate-Branche inzwischen ihre Marktnische gefunden. Die Emittenten bieten Anlegern eine Bandbreite von Produkten mit und ohne Kapitalschutz wie etwa strukturierte Anleihen oder Express-Zertifikate. Neben sicherheitsorientierten Anlegern kommen auch Spekulanten mit einer Reihe riskanter Angebote wie zum Beispiel Faktor-Zertifikate zu ihrem Recht. Das Massengeschäft mit dem mächtigen Filialvertrieb der Banken im Rücken aber ist inzwischen Vergangenheit. So dümpelt das Marktvolumen aktuell bei gut 70 Milliarden Euro vor sich hin und liegt damit tiefer als in den Monaten unmittelbar nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.

"Zertifikate leiden sicherlich noch an den Nachwehen der Finanzkrise und den damaligen Problemen rund um die Ausfälle der Lehman-Zertifikate", sagte der Zertifikate-Experte Professor Lutz Johanning am Freitag der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Johanning ist Inhaber des Lehrstuhls für empirische Kapitalmarktforschung an der WHU - Otto Beisheim School of Management und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Zertifikate-Branchenverbandes DDV.

Am 15. September 2008 hatte Lehman Brothers Insolvenz angemeldet. In der Folge verloren alleine deutsche Investoren erst einmal schätzungsweise bis zu einer Milliarde Euro, weil eine niederländische Tochtergesellschaft der US-Investmentbank ihre Zertifikate plötzlich nicht mehr auszahlen konnte. Das Geld war erst einmal weg, weil Zertifikate nicht wie Investmentfonds geschützte Sondervermögen sind, sondern Inhaberschuldverschreibungen - wie Anleihen können sie bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten im schlimmsten Fall komplett ausfallen.

Johanning mahnt daher: "Anleger sollten sich stets bewusst sein, dass Zertifikate grundsätzlich ein Ausfallrisiko haben." Das Risiko werde aber in den Kursen berücksichtigt und folglich mit einer Risikoprämie entgolten. Zudem seien viele Produktstrukturen auf die Bedürfnisse der Anleger zugeschnitten. So bieten Johanning zufolge viele Zertifikate, wie beispielsweise Express-Zertitifkate, im Niedrigzinsumfeld ansehnliche Renditen und können zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit Verluste vermeiden. Anleger sollten diese Vor- und Nachteile der Produkte im Blick haben und verstehen.

Wer nun aber Zertifikate kaufen will, muss sich auch mit den Tücken der Regulierung auseinandersetzen. Denn als Reaktion auf die Finanzkrise haben die nationalen und internationalen Aufsichtsbehörden eine ganze Reihe an Vorschriften zum Anlegerschutz erlassen, die recht komplex und zum Teil auch umstritten sind. Zertifikate-Anleger müssen mittlerweile vor dem Erwerb sogenannte Basisinformationsblätter für verpackte Anlageprodukte (PRIIPs-KIDs) erhalten.

Johanning, der als Mitglied der Expertengruppe die EU-Kommission bei der Umsetzung der entsprechenden Verordnung berät, äußerte sich kritisch: "Die PRIIPs-Verordnung verfolgt mit der besseren Verständlichkeit und Vergleichbarkeit der Produkte sicherlich die richtigen Ziele. Einige Vorgaben, beispielsweise zur Berechnung der Performance-Szenarien im PRIIPs-KID, können aber nicht alle Produktvarianten adäquat abbilden und so zu sehr merkwürdigen Ergebnissen führen. Wenden die Emittenten diese Vorgaben an und berichten die zum Teil merkwürdigen Ergebnisse im Basisinformationsblatt, steigert das weder das Verständnis der Produktstruktur noch die Akzeptanz solcher Produkte bei den Anlegern."

Die Branche selbst hat indes auch die aktuellen Mega-Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Blick, um für Anleger wieder interessanter zu werden. Denn insbesondere bei solchen Spezialthemen und Strategien haben Zertifikate den Vorteil, dass diese von den Anbietern schnell und kostengünstig für ein breites Publikum investierbar gemacht werden können. "Das Zertifikate-Geschäft ist im Übrigen ein gutes Beispiel für eine gelungene Digitalisierung", sagte Johanning. Nach Auffassung des Experten haben die Emittenten insgesamt sehr effiziente Prozesse aufgebaut. Der deutsche Markt sei dadurch sehr transparent und effizient geworden, das werde auch beim Vergleich mit anderen europäischen Märkten sehr deutlich./la/ajx/jha/


Quelle: dpa-AFX

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