08.11.2026 09:30:03 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Klimagipfel in der Türkei - Worum es geht und woran es hakt
ANTALYA (dpa-AFX) - Beispiellose Waldbrände in Europa, tödliche Hitze und
Dürre sogar in Deutschland, Sturzfluten in Nepal und China: Die Klimakrise ist
in diesem Jahr so bedrohlich spürbar gewesen wie selten zuvor. Nun steht das
jährliche große Krisentreffen an - die 31. UN-Weltklimakonferenz. Zehntausende
Delegierte treffen sich für zwei Wochen im türkischen Antalya, am Montag (9.
November) geht es los.
Worum geht es - und: Bringt das noch was?
Kurz gesagt geht es darum, der zerstörerischen Krise Einhalt zu gebieten.
Seit zehn Jahren ist das Pariser Klimaabkommen in Kraft. Darin haben rund 200
Staaten vereinbart, die Erderwärmung bei 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen
Zeit zu stoppen, um die katastrophalsten Folgen abzuwenden. Stattdessen besagt
die aktuelle Prognose der Vereinten Nationen aber: Mit der derzeitigen
Klimapolitik steuert die Welt auf 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu.
Die Welt befinde sich "auf einem Pfad in eine unbeherrschbare Zukunft", sagt
Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Noch
gebe es allerdings ein Fenster, um auf einen halbwegs sicheren Pfad
zurückzukommen.
Wird also nun das Ruder noch herumgerissen?
Bislang heizt die Welt das Problem noch an: Der Ausstoß klimaschädlicher
Treibhausgase wie Kohlendioxid stieg zuletzt sogar noch weiter an, anstatt zu
sinken. Klimaforscher Niklas Höhne vom NewClimate Institute betont, eigentlich
wäre das Umschalten in einen Notfallmodus angebracht. "Wir haben in diesem Jahr
noch einmal sehr deutlich gesehen, dass der Klimawandel wirklich
existenzbedrohend ist, wenn wir nicht schnell was tun." In einem solchen
Notfallmodus müsse man tun, was zuvor nicht möglich schien - etwa gar nicht mehr
in fossile Energien wie Öl, Gas und Kohle zu investieren. "Aber die Welt ist
eben nicht in einer Stimmung für genau diese Reaktion."
In Zeiten klammer Staatskassen und Demokratien unter Druck zögen viele
Regierungen Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen ab, erklärt Laura Schäfer
von der Organisation Germanwatch. "Die Schäden steigen, während die Mittel zum
Umgang damit sinken."
Was wäre also ein Erfolg?
Dass sich fast alle Staaten - mit Ausnahme der USA, die unter Präsident
Donald Trump aus dem Pariser Abkommen ausgetreten sind - überhaupt noch treffen,
ist vor dem Hintergrund der vielen Kriege keine Selbstverständlichkeit.
Klimaforscher Höhne erwartet eher kleine Schritte: "Dass man ein Signal
senden kann, dass die Welt - oder jedenfalls ein Großteil der Welt - auf dem Weg
raus aus Kohle, Öl und Gas ist, rein in die erneuerbaren Energien, in die
Elektrifizierung, und sich dabei gegenseitig hilft."
Auch der Chef von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, hofft auf eine
"starke Allianz aus Ländern, die den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas entschlossen
vorantreiben" - und die kein "Papiertiger" bleiben dürfe.
Was will die Türkei als Gastgeber?
Die Türkei hat vorgeschlagen, ein neues globales Ziel zur Elektrifizierung
zu setzen: Bis 2035 soll der Anteil elektrischer Energie beim Endverbraucher von
heute 20 auf 35 Prozent steigen. Elektrifizierung soll fossile Energieträger wie
Öl, Gas und Kohle durch Strom ersetzen. Deutschland stellt sich hinter diesen
Vorstoß. Kritiker weisen aber darauf hin, dass das Ganze dem Klimaschutz nur
weiterhilft, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder
Wasserkraft stammt.
Türkei und Australien steuern gemeinsam die COP31 - Kann das klappen?
Wer dieses Jahr Gastgeber sein darf, darüber gab es auf der vergangenen
Klimakonferenz in Brasilien ein langes Gezerre. Schließlich stimmten die Rivalen
Türkei und Australien einem Kompromiss zu: Die Türkei richtet das Treffen aus
und stellt mit Umweltminister Murat Kurum den COP-Präsidenten. Australien
entsendet dafür mit Klimaminister Chris Bowen den "Präsidenten der
Verhandlungen", der quasi im Maschinenraum der COP31 Kompromisslinien auslotet
und konsensfähige Abschlusstexte auf den Weg bringt. Diese Zweiteilung ist neu
und ungewöhnlich. Skeptiker befürchten Reibungsverluste und verweisen darauf,
dass schon in der Vorbereitung einzelne Vorstöße offensichtlich nicht abgestimmt
waren.
Sorgen bereitet Aktivisten auch das politische Klima in der autoritär
regierten Türkei. Laut Amnesty International hat sich die Menschenrechtskrise in
den vergangenen Monaten verschärft. So habe es deutlich intensivere Repressalien
der Regierung gegen unabhängige Stimmen gegeben, darunter Journalisten,
Umweltaktivisten und Angehörige der LGBTIQ-Community.
Wie steht Deutschland da?
Beim Klimaschutz ist die Bundesregierung nicht auf Kurs. Laut dem
unabhängigen Expertenrat für Klimafragen wird Deutschland seine Ziele verfehlen
- nämlich ein Absenken der Treibhausgasemissionen um 65 Prozent bis 2030
beziehungsweise um 88 Prozent bis 2040 im Vergleich zum Basisjahr 1990.
Damit hat Deutschland, das sich lange als Vorreiter beim Klimaschutz sah,
aus Sicht von Umweltverbänden ein Glaubwürdigkeitsproblem. Verschärft wird dies
durch jüngste Kürzungen bei Geldern für arme Staaten, damit diese Klimaschutz
betreiben und sich gegen die Auswirkungen der Klimakrise wappnen und Schäden
beheben können. Deutschland hat versprochen, dem Globalen Süden jährlich sechs
Milliarden Euro bereitzustellen, doch waren es im vergangenen Jahr nur 4,7
Milliarden Euro, wie Brot für die Welt vorrechnet.
Fehlen wird bei der Klimakonferenz, wo nächste Woche Dutzende Staats- und
Regierungschefs anreisen, Kanzler Friedrich Merz (CDU). Grund sind "anderweitige
Verpflichtungen", wie ein Regierungssprecher vage erläuterte. Klimaaktivisten
sprechen von einem Tabubruch. Merz lasse die Jugend im Stich, wetterte etwa
Luisa Neubauer von Fridays for Future. Ihre Bewegung plant zur Halbzeit der
Konferenz am 13. November einen bundesweiten Klimastreik an 70 Orten.
Auf welche Länder lohnt es sich sonst zu achten?
China ist als größter Emittent von Treibhausgasen ein entscheidender Akteur.
Die energiehungrige Volksrepublik treibt zwar wie kein anderes Land den Ausbau
erneuerbarer Energien voran. Doch parallel setzt die Regierung in Peking auf
Kohle als billigen und planbaren Energieträger.
Kurz vor Beginn des Gipfels kritisierte Chinas Vize-Umweltminister Li Gao
das "alte Problem" mangelnder finanzieller Unterstützung sowie unzureichender
Emissionsminderung der Industrieländer. China ist zwar die zweitgrößte
Volkswirtschaft der Welt, hat aber nach den jahrzehntealten UN-Regeln immer noch
den Status eines Entwicklungslands.
Außerdem auf jeder Klimakonferenz im Blick zu behalten ist Saudi-Arabien,
das in der Vergangenheit immer wieder ehrgeizige Beschlüsse verhindert hat.
Gibt es auch Lichtblicke?
Während es politisch hakt, entwickelt sich der Markt - zumindest teilweise -
in die richtige Richtung. "Inzwischen überholen die Weltmärkte die Politik.
Immer mehr Menschen setzen auf Elektroautos und Wärmepumpen. Erneuerbare
Energien wachsen weltweit schneller als jede andere Energieform", erklärt Kaiser
von Greenpeace. Oft sind Wind und Solar die kostengünstigsten Varianten - was
selbst in den USA dazu führt, dass weiter zugebaut wird.
Beobachter rechnen auch damit, dass der Siegeszug der Demokraten bei den
Zwischenwahlen in den USA eine positive, hoffnungsvolle Dynamik entfalten
könnte.
Der langjährige Klimagipfel-Beobachter Höhne berichtet: "Ich bin ja jetzt
schon sehr lange dabei, und die Schritte von Jahr zu Jahr sind extrem klein. Ich
bin sehr frustriert, das muss ich zugeben. Aber wenn man diesen Blick über eine
längere Zeit hat, dann merkt man schon: Es bewegt sich was in die richtige
Richtung. Es geht viel, viel zu langsam, aber es bewegt sich - und daran muss
man sich ein bisschen festhalten."/yyzz/DP/mis
--- Von Larissa Schwedes und Torsten Holtz, dpa ---