08.11.2026 09:15:01 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Woher die meisten importierten Tiefkühlerdbeeren kommen

AL-NUBARIJA/KAIRO (dpa-AFX) - Erdbeeren wachsen mitten in der Wüste. Nach
gut zwei Stunden Fahrt auf einer mehrspurigen Autobahn von Kairo in Richtung
Alexandria tauchen plötzlich saftig grüne Ackerflächen auf - so weit das Auge
reicht. Auf Tausenden Hektar werden etwa Datteln, Orangen, Zitronen - und
Erdbeeren für den Export angebaut. "Rotes Gold" werden sie in Ägypten auch
genannt.

Etwa zwei Drittel der nach Deutschland importierten Tiefkühlerdbeeren
stammten 2025 nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung
(BLE) aus Ägypten. Im Jahr 2020 lag der Anteil demnach noch bei einem Drittel.
Bei frischer Ware fallen die Mengen dagegen deutlich geringer aus.

Warum kommen so viele Tiefkühlerdbeeren aus Ägypten?

"Eine frische Erdbeere muss in ein bis zwei Wochen gegessen werden. Bei
gefrorenen Erdbeeren hat man bis zu zwei Jahre Zeit, wenn die Kühlkette nicht
unterbrochen wird", sagt Mahmud al-Schischini von der Firma Mafa, einem der
größten Obstproduzenten Ägyptens. Experten nennen noch weitere Gründe:

* früher Saisonstart (von Dezember bis April)

* neue Sorten hätten Qualität und Ertrag gesteigert

* der Preis sei durch geringe Produktionskosten wettbewerbsfähig

Die gefrorenen Erdbeeren von Mafa würden nicht nur an große Supermarktketten geliefert, sondern auch an die Industrie etwa für Säfte, Müsli, Joghurt oder
Marmeladen. Damit sei der Markt größer als bei frischer Ware, sagt
al-Schischini. Weltweit ist Ägypten laut Außenhandelskammer (AHK) als Exporteur
von Tiefkühlerdbeeren führend und produziere etwa ein Drittel des Marktvolumens.
Für den hoch verschuldeten Staat und die von einer hohen Inflation betroffene
Wirtschaft geht es um Devisen in Höhe von vielen Millionen US-Dollar.

Wie funktioniert der Erdbeeranbau in der Wüste?

Das Wüstenland wurde in den letzten Jahrzehnten urbar gemacht. "Der Anbau
von Pflanzen in der Wüste ist für uns bis heute ein jahrelanger Lernprozess",
erzählt al-Schischini. Mafa habe viel in den Kauf neuer Sorten aus den USA,
Italien oder Spanien investiert.

Der Staat setzt weiter auf die Vergrößerung von Agrarflächen. Angesichts des Bevölkerungswachstums und unterbrochener globaler Lieferketten sei die
Kultivierung von Wüstengebieten entscheidend gegen Lebensmittelknappheiten
gewesen, sagte Landwirtschaftsminister Alaa Faruk laut der staatlichen
ägyptischen Nachrichtenagentur Mena.

Reicht das Wasser?

80 Prozent der jährlichen Süßwasservorräte Ägyptens werden laut Weltbank in
der Landwirtschaft benötigt. Das Problem: Seit 1994 wird in dem
nordafrikanischen Land nach UN-Angaben mehr Wasser verbraucht als es durch
erneuerbare Ressourcen gibt. Der Anbau einiger wasserintensiver Pflanzen wie
Reis werde bereits eingeschränkt, sagt der Umwelt- und Agrarforscher sowie
Menschenrechtsaktivist Abdelmawla Ismail.

Der Erdbeeranbau benötige nach Berechnungen des Wasserexperten Peter Riad
von der AHK zwar nur einen geringen Anteil der jährlichen Wasserressourcen
Ägyptens. Doch in den kultivierten Wüstengebieten seien die Erzeuger oft auf
tiefe nicht erneuerbare Grundwasservorkommen angewiesen, fügt der Professor an
der Ain-Schams-Universität hinzu. "Selbst ein geringer prozentualer Anteil kann
in empfindlichen Wüstenbecken zu einem starken lokalen Absinken des
Grundwasserspiegels und zu einem Anstieg des Salzgehalts führen", erklärt Riad.

Bei Mafa hängt alles vom Nil ab - so wie bei der Wasserversorgung von mehr
als 100 Millionen Einwohnern Ägyptens. Seit Jahren setzt Mafa wie andere
Anbaufirmen auf Tröpfchenbewässerung und weitere wassersparende Technologien wie
Pumpstationen, sagt al-Schischini. Einen "Plan B" zum Nil gebe es nicht. Wenn
das Nilwasser einmal ausbleiben sollte, sei das ein Problem für die Region,
Europa und die Welt - und nicht nur für eine einzelne Firma.

Wie gesund sind Erdbeeren aus Ägypten?

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen verweist auf Warnmeldungen der
EU wegen Pestizidbelastungen und Hygienemängeln bei einzelnen Erdbeerlieferungen
aus Ägypten. Doch es gelte auch: Wenn Produkte in der EU verkauft werden,
müssten sie laut Gesetz sicher sein und die Höchstmengenregelungen etwa für
Pflanzenschutzmitteln einhalten. Deutsche Supermarktketten hätten höhere
Qualitätsanforderungen als gesetzlich vorgeschrieben.

Von Mafa heißt es, die Richtlinien würden vor der Verschiffung strikt
überprüft. Seit zwei Jahren investiere die Firma zudem in Insekten als
natürliche Feinde von Schädlingen.

Wie geht es den Feldarbeitern?

Auf der Webseite des "Fairtrade"-zertifizierten Unternehmens Mafa werden
etwa Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen für Arbeiter hervorgehoben.

An der gesamten Branche in Ägypten übt Menschenrechtsaktivist Abdelmawla
Ismail aber deutliche Kritik: "Erdbeeranbau ist auf die Arbeit von Frauen und
Kindern angewiesen." Das Pflücken, Sortieren und Verpacken sei arbeitsintensiv.
Saisonarbeitern fehle es an Verträgen, sozialer Absicherung und
Gesundheitsschutz - etwa beim Ausbringen von Pestiziden ohne Schutzausrüstung.

Beim Besuch von Farmen ergibt sich ein weites Bild: von Arbeitern in
sauberer Kleidung bis hin zu welchen mit löchrigen oder keinen Schuhen. Kinder
sind zumindest nicht zu sehen.

Auf den Feldern eines weiteren Großbetriebes sagt ein Arbeiter bei der
Tomatenernte: "Die Arbeit ist sehr anstrengend und der Lohn reicht nicht aus."
Die Farm liegt weit abseits. Einige der Männer leben zwischen den Feldern in
Hütten, die sie aus Strohbündeln und Plastikplanen gezimmert haben./mib/DP/mis

--- Von Michael Brandt, dpa ---

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