08.11.2026 09:00:05 - dpa-AFX: HINTERGRUND/Preisschock zu Weihnachten: KI-Chips verteuern Elektronik

DÜSSELDORF (dpa-AFX) - Ob Computer, Smartphones oder Speicherkarten:
Verbraucher müssen im Weihnachtsgeschäft für etliche Elektronikprodukte tiefer
in die Tasche greifen. Ursache sind die gestiegenen Kosten für Speicherchips.

"Die anhaltende Knappheit bei Halbleitern und Speicherkomponenten verteuert
derzeit Produkte wie PCs, Smartphones und SSDs", sagt eine Sprecherin des
Elektronikfachhändlers MediaMarktSaturn. Die Hersteller gäben die gestiegenen
Kosten zunehmend weiter. Um die Margen stabil zu halten, seien weitere
Preisanpassungen nicht auszuschließen. Wie sich die Lage weiterentwickelt, hängt
nach Angaben der Sprecherin maßgeblich davon ab, wie schnell sich die Chip- und
Speicherproduktion stabilisiert.

Viele Warengruppen betroffen

Nach Angaben des Marktforschers NIQ sind im Bereich der IT-Produkte nahezu
alle Warengruppen, die Speicherchips enthalten, von dem Kostenanstieg betroffen.
"Dieser Effekt ist für Kunden bereits deutlich zu spüren", sagte NIQ-Experte
Andreas Peplinski. Die Endverbraucherpreise für viele IT-Produkte seien zuletzt
rasant gestiegen.

Die Durchschnittspreise von Grafikkarten lagen im September demnach fast
doppelt so hoch wie im Vorjahresmonat. Desktop-PCs kosteten 41 Prozent mehr,
Laptops und Tablets verzeichneten prozentual zweistellige Zuwächse. Bei
Smartphones sei ebenfalls ein signifikanter Preisanstieg zu beobachten.

"Schweinebauchzyklus" der Chipbranche treibt die Kosten

Hinter dem Preisschub an den Ladenkassen steht ein klassisches
Marktphänomen, das die Halbleiterindustrie seit Jahrzehnten prägt: der
sogenannte "Schweinebauchzyklus". Der Begriff stammt ursprünglich aus der
Landwirtschaft und der Warenterminbörse, wo hohe Schweinefleischpreise Bauern
dazu brachten, massenhaft neue Tiere zu züchten - was Monate später zu einem
Überangebot, abstürzenden Preisen und anschließendem Mangel führte, da die Zucht
nicht von heute auf morgen an die Nachfrage angepasst werden kann.

Auf die Chipindustrie übertragen heißt das: Nach dem extremen Nachfrageboom
während der Corona-Pandemie war der weltweite Speichermarkt in eine tiefe Krise
gerutscht. Die Lagerhallen waren voll, die Preise für Arbeitsspeicher (DRAM) und
Flash-Speicher (NAND) brachen massiv ein.

Um den ruinösen Preisverfall zu stoppen und Milliardenverluste abzuwenden,
zogen die dominierenden Branchenriesen wie Samsung , SK Hynix und
Micron die Notbremse: Sie drosselten ihre Wafer-Produktion
drastisch, legten Fertigungslinien still und froren milliardenschwere
Investitionsprogramme für neue Fabriken ein.

Das Kalkül der Hersteller ging auf, doch nun schlägt das Pendel mit voller
Wucht in die Gegenrichtung aus. Denn während das Angebot künstlich verknappt
wurde, schoss die Nachfrage durch den weltweiten Ausbau von Rechenzentren für
Künstliche Intelligenz (KI) explosionsartig in die Höhe. Technologiekonzerne
kaufen Speicherkomponenten derzeit in schwindelerregenden Mengen auf.

Lange Vorlaufzeiten

Genau hier greift die Falle des Zyklus: Die zuvor heruntergefahrene
Produktion lässt sich in der hochkomplexen Halbleiterfertigung nicht auf
Knopfdruck wieder hochfahren. Bis neue Fertigungslinien installiert, Reinräume
zertifiziert und die sensiblen Produktionsprozesse fehlerfrei kalibriert sind,
vergehen viele Monate bis hin zu Jahren. Zudem verlagern die Hersteller ihre
knappen, reaktivierten Kapazitäten vorrangig auf extrem margenstarke
Spezialbausteine für KI-Server wie High Bandwidth Memory (HBM).

Die Folge ist ein massives Defizit bei herkömmlichen Standard-Speichern, die in klassischen Laptops, PCs oder Smartphones verbaut werden. Die drastische
Angebotslücke treibt die Einkaufspreise für Elektronikhersteller rasant nach
oben - eine Kostenexplosion, die nun ungebremst die Endverbraucher erreicht.

Verbände warnen vor Dämpfer für das Festgeschäft

Die Folgen des Speicherpreisschubs spürt die gesamte Digitalbranche. Nach
Angaben des Digitalverbands Bitkom bringt die Komponentenknappheit bei
Speicherchips den IT-Markt spürbar in Bedrängnis. Weil der KI-Boom enorme
Fertigungskapazitäten binde, fehle es an verlässlichen Kalkulationsgrundlagen
für Elektronikgeräte wie Laptops, Tablets und PCs - mit entsprechenden Folgen
für das Angebot und das Preisniveau bei den Endverbrauchern.

Beim Handelsverband Deutschland (HDE) blickt man vor dem wichtigen
Jahresendgeschäft mit Skepsis auf den Markt für Konsumgüter. Nach HDE-Erhebungen
rechnet die Mehrheit der Nonfood-Händler mit schlechteren Geschäften als im
Vorjahr, da viele Verbraucher inflationsbedingt preissensibler kalkulieren und
teurere Anschaffungen im Unterhaltungselektronik- und IT-Bereich genau abwägen.

Tipps für Schnäppchenjäger: Angebote genau prüfen

Verbraucherschützer raten Kundinnen und Kunden vor den Einkaufstagen rund um den "Black Friday" und das Weihnachtsfest zu erhöhter Wachsamkeit. Bei
Aktionsangeboten sollten Käufer genau hinschauen, ob Hersteller nicht verdeckte
Preiserhöhungen vornehmen - etwa indem Einsteigermodelle mit geringerer
Speicherkapazität zum bisherigen Standardpreis angeboten werden.

Wer vor Weihnachten aufrüsten oder ein Neugerät erwerben möchte, sollte
Vergleichsportale nutzen und Rabatte kritisch anhand der Preisentwicklung der
vergangenen Monate prüfen. Eine rasche Entwarnung erwarten Marktanalysten
unterdessen nicht: Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die weltweiten
Speicherkapazitäten bis weit ins kommende Jahr hinein angespannt bleiben und das
Preisniveau vorerst hochhalten dürften./cr/DP/mis

--- Von Christian Rothenberg und Christoph Dernbach, dpa ---
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