04.11.2026 14:52:57 - dpa-AFX: HINTERGRUND 2/Lame duck?: Was Trumps Wahlpleite für die Wirtschaft bedeutet

(Neu: Goldpreis)

BERLIN/WASHINGTON (dpa-AFX) - Bei den Zwischenwahlen in den USA haben die
Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat erobert. Was bedeutet
der deutliche Sieg für die Wirtschaft in den USA und Deutschland, für Autofahrer
und Anleger? Und ändert sich nun die Zollpolitik von Donald Trump, die Firmen
hierzulande belastet? Wird der US-Präsident zur "lame duck", zur lahmen Ente?
Die ersten Reaktionen von Experten sind geteilt:

Zollpolitik

In den ersten beiden Jahren seiner Amtszeit hat Trump Handelspartner mit
immer neuen Zöllen überzogen, die EU und Deutschland in erster Reihe. Besserung
erwarten Ökonomen nach der krachenden Wahlniederlage nicht. Mit unbequemen
Mehrheitsverhältnissen zu Hause könnte sich Trump mehr auf die Außenpolitik
konzentrieren, glaubt Thomas Gitzel, Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank. Der
Präsident werde sich künftig noch mehr auf Verordnungen stützen. "Zölle und
Handelskonflikte könnten wieder stärker in den Vordergrund rücken."

Ähnlich sieht es das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). "Deutsche
Unternehmen sollten damit rechnen, dass die Richtung der Wirtschafts- und
Zollpolitik mindestens bis Januar 2029 bestehen bleibt", schrieb das IW jüngst
mit Blick auf das reguläre Ende der Amtszeit Trumps.

Die Zollpolitik werde die deutsche Wirtschaft weiter bremsen, meint
IW-Direktor Michael Hüther. "Die Zölle verhängt Trump nicht per Gesetz, sondern
per Dekret am Kongress vorbei." Innenpolitisch stünden den USA unruhige Zeiten
bevor. "Politische Unsicherheit beim wichtigsten Handelspartner Deutschlands
wird den transatlantischen Handel belasten."

Auch nach der Wahlniederlage Trumps Macht groß. So kann er sein Veto gegen
Gesetze einlegen. Selbst mit der Mehrheit der Demokraten in Senat und
Repräsentantenhaus müsste ein Veto Trumps von zwei Dritteln der
stimmberechtigten Volksvertreter in beiden Kammern überstimmt werden - das ist
äußerst schwer zu erreichen.

Konjunktur

Zwar sind die Demokraten tendenziell stärker an internationaler
Zusammenarbeit interessiert als Trump. Es wäre aber ein Irrtum, von einer
demokratischen Mehrheit eine grundlegende Rückkehr der USA zum Freihandel zu
erwarten, meint ZEW-Präsident Achim Wambach. Abschottung sei keine Besonderheit
der Trump-Regierung. "In der Handelspolitik gegenüber China sowie bei
politischen Maßnahmen zum Schutz der heimischen Industrie besteht in Washington
parteiübergreifend ein weitgehender Konsens."

Mit der Wahlniederlage sinken zudem die Möglichkeiten der Trump-Regierung,
die US-Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen anzukurbeln, meint Holger Schmieding,
Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Mit einem verlangsamten Investitionswachstum
bei Künstlicher Intelligenz und dämpfenden Effekten des harten Vorgehens gegen
Einwanderung werde sich das Wachstum der US-Wirtschaft 2028 deutlich auf rund
1,5 Prozent abschwächen. "Die USA werden somit weniger als bisher zum globalen
Wirtschaftswachstum beitragen." An der exportabhängigen deutschen Wirtschaft
ginge das nicht spurlos vorbei.

"Weitere Deregulierung oder Steuersenkungen, wie sie die Republikaner
fordern, sind nicht zu erwarten, aber auch kein Kurswechsel in der
Wirtschaftspolitik in Richtung höherer Steuern oder Sozialleistungen", sagte
auch Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung". "Europa kann leider nicht mit Erleichterung im Amerikahandel rechnen."

Öl- und Spritpreise

Bei der Niederlage der Republikaner spielten die gestiegenen
Lebenshaltungskosten vieler Amerikaner eine entscheidende Rolle. Denn mit dem
von Trump angezettelten Iran-Krieg sind die Spritpreise stark gestiegen - zum
Ärger vieler Wähler im Autofahrerland USA. Berenberg-Ökonom Schmieding erwartet
zunehmenden Druck auf Trump seitens der eigenen Republikaner-Partei, "die
Benzinpreise durch eine Lösung der Iran-Frage wieder auf ein normales Niveau zu
bringen".

Wahrscheinlich sei, dass die US-Regierung nach einer womöglich letzten
Bombardierungsrunde ein Abkommen mit Iran schließe, das die Wiederöffnung der
Straße von Hormus vorsehe. Damit dürften die Ölpreise, die mit dem Nahost-Krieg
über die Marke von 100 Dollar je Barrel Brent-Öl gestiegen sind, sinken - und
damit die Benzinpreise für Verbraucher auf beiden Seiten des Atlantiks.
Schmieding erwartet, dass der Preis für Brent-Rohöl bis Ende 2027 auf 75
US-Dollar pro Barrel und 2028 auf im Schnitt 65 US-Dollar fällt.

Folgen für Anleger und Börsen

An den Finanzmärkten kam es zunächst zu leichten Verlusten, Einbußen bei
Tech-Aktien werden erwartet. Mit sinkenden Spielräumen für die Republikaner beim
Haushalt erwartet die Landesbank LBBW einen schwächeren Dollar und sinkende
Renditen bei US-Staatsanleihen. Am Mittwoch kletterte der Euro auf fast 1,13
Dollar, der höchste Stand seit Anfang Oktober. Mit der Dollarschwäche kletterte
der Goldpreis über die Marke von 4.000 Dollar je Feinunze. Das Edelmetall wird
in der Regel in Dollar gehandelt, daher macht die Dollar-Schwäche Gold
günstiger, was die Nachfrage stärkt.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht im Sieg der Demokraten eine positive
Botschaft, auch in Sachen Geldpolitik. So dürfte es Trump künftig auch schwerer
fallen, staatliche Institutionen umzubauen, so wie er es bei der US-Notenbank
Fed versuchte.

Anleger sollten die erste Börsenreaktion aber nicht überinterpretieren,
meint Ökonom Gitzel. "Für die Aktienmärkte war es historisch betrachtet nämlich
nicht so entscheidend, wer wie viele Sitze gewinnt oder verliert." In den
vergangenen 75 Jahren habe es in den 100 Tagen nach den Midterms immer ein Plus
gegeben - "und zwar ein kräftiges". Im Schnitt habe der breite US-Börsenindex
S&P 500 um 10 Prozent zugelegt. Ein klares Muster zur
Börsenentwicklung in Jahren mit einem geteilten Kongress oder einem Kongress
gegen die Partei des US-Präsidenten gebe es aber nicht.

Regulierung, Krypto und KI-Rechenzentren

Nach dem rasanten Erfolg der Demokraten könnte der KI-Sektor stärker
reguliert werden. Tech-Konzerne müssen sich auf mehr Gegenwind bei ihren
riesigen Rechenzentren für KI einstellen. Gegen die Anlagen formierte sich im
Wahlkampf immer mehr Widerstand - vor allem da Anwohner steigende Energie- und
Wasserpreise befürchten. Selbst Republikaner verhängten Moratorien für den Bau
neuer Rechenzentren. Mit Gouverneuren der Demokraten wie Gina Hinojosa in Texas
können sich die Konzerne auf einen härteren Kurs einstellen. "Rechenzentren im
All wirken gerade ziemlich ansprechend", schrieb Tech-Milliardär Elon Musk nach
der Wahl. Er will bei seiner Weltraumfirma SpaceX
Rechenkapazitäten in der Umlaufbahn aufbauen - während noch offen ist, ob das
funktionieren kann.

Auch für die Krypto-Branche bedeutet der Wahlsieg der Demokraten eine
veränderte Gemengelage. In den maßgeblichen Ausschüssen des US-Kongresses - etwa
im Bankenausschuss des Senats - dürften nun wieder Politiker den Ton angeben,
die dem digitalen Geld traditionell deutlich skeptischer gegenüberstehen als
viele Republikaner. Beobachter rechnen daher damit, dass parlamentarische
Vorstöße für industriefreundliche Regeln und Initiativen wie der "CLARITY Act"
künftig auf deutlich größere Hürden stoßen.

Ein Kursrutsch bei Kryptoanlagen blieb entgegen mancher Befürchtungen aber
aus: Zwar fiel der Kurs des Bitcoin nach den ersten Hochrechnungen unter 76.000
Dollar, kletterte dann aber wieder in Richtung der Marke von 78.000 Dollar. Auch
andere Digitalwährungen wie Ether, Solana und der Binance-eigene Token BNB
verzeichneten moderate Kursgewinne. Der Ausgang der Wahl war an den
Finanzmärkten keine Überraschung mehr./als/so/chd/DP/mis

--- Von Alexander Sturm, Andrej Sokolow und Christoph Dernbach, dpa ---
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