17.10.2026 19:00:12 - dpa-AFX: ROUNDUP/'Fucking Bundeskanzler': Grüne-Jugend-Spitze neu gewählt
LEIPZIG (dpa-AFX) - Nach scharfen Angriffen auf die schwarz-rote
Bundesregierung sind Henriette Held und Luis Bobga als Chefs der Grünen Jugend
wiedergewählt worden. Beim Bundeskongress in Leipzig erhielt Held 86,29 Prozent
der Stimmen, Bobga 73,20 Prozent. Held warf Kanzler Friedrich Merz (CDU)
Ignoranz gegenüber dem Klimawandel vor, Bobga beschrieb die Politik der
Bundesregierung als unsozial und in ihren Folgen als tödlich.
Bobga: Kürzungen kosten Menschenleben
Bobga warf der Bundesregierung vor, den vorzeitigen Tod von Menschen zu
verursachen. "Es braucht eine Sprache, die benennt, dass Friedrich Merz die
Verantwortung dafür trägt, dass Menschen viel schlechter leben und früher
sterben werden, wenn Arbeitszeit flexibilisiert wird", sagte er.
Wenn Familienministerin Karin Prien (CDU) die Förderung für Projekte aus dem
Programm "Demokratie leben" kürze, bedeute das weniger Geld für
Rechtsextremismusprävention "und ein höheres Risiko, dass mich irgendwann mal
ein Nazi totschlägt", sagte Bobga, dessen Vater aus Kamerun stammt. "All diese
Kürzungen führen zu ein und demselben Ergebnis: Sie töten Menschen." Wut sei
nötig um aufzubegehren.
Auf Nachfrage räumte Bobga ein, als Jugendlicher kurzfristig FDP-Mitglied
gewesen zu sein. Er sprach von einer Jugendsünde. "Ich war drei Monate lang
Mitglied, und das hat gereicht." Die Partei habe ihn damals im
Bundestagswahlkampf mit dem Thema Bildung erreicht.
Held stellt Forderungen an eigene Partei
Held beklagte, die Regierung tue zu wenig gegen den Klimawandel. "Wir
brauchen keinen Kanzler, der uns erklärt, wie Demokratie funktioniert. Einen
Kanzler, der vom Osten ungefähr so wenig versteht wie Männer von einem Uterus",
erklärte sie.
Held sprach von Merz als "fucking Bundeskanzler". Von den Grünen verlangte
sie: "Die Partei muss auch endlich checken, dass sie nicht an der Seite einer
CDU stehen kann, die Rechtsextremisten zur Macht verhilft" - vermutlich in
Anspielung auf die Lage in Sachsen-Anhalt.
Schlechteres Ergebnis als bei erster Wahl
Beide Bundessprecher, wie die Vorsitzenden bei der Grünen Jugend heißen,
sind 24 Jahre alt. Sie stehen seit einem Jahr an der Spitze der
Grünen-Nachwuchsorganisation und konnten ihre Amtszeit nun um ein weiteres Jahr
verlängern. Beide wurden mit einem schlechteren Ergebnis gewählt als vor einem
Jahr. Damals hatte Held 93,6 Prozent der Stimmen erhalten, Bobga 76,2 Prozent.
Held studiert in Greifswald Klima- und Umweltrecht. Bobga war mehrere Jahre
Stadtrat in Emsdetten und hat für die Grünen in Nordrhein-Westfalen gearbeitet.
Kritik an der Mutterpartei
Die Grüne Jugend vertritt innerhalb der Grünen sehr linke Positionen.
"Kapitalismus ist scheiße", sagte eine Rednerin. Zwei Mitglieder aus Berlin
brachten ihren Unmut über Grünen-Politiker zum Ausdruck, die sich in die
Gespräche zur Bildung einer möglichen rot-rot-grünen Koalition in Berlin
eingemischt hatten.
Moritz Wiechern sagte: "Ich bin sehr wütend auf unsere Bundespartei." An den
baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir (Grüne) gewandt, fragte
er: "Kannst du dich bitte einfach mal zurückhalten?" Von Grünen-Chef Felix
Banaszak verlangte er, einen Gang zurückzuschalten. "Lass uns doch einfach mal
machen!" Özdemir und Banaszak hatten die Linken in Berlin kritisiert, die sich
mit Vorwürfen von Antisemitismus und Verbindungen zur Clankriminalität
auseinandersetzen müssen.
Bei ihrem Treffen in Leipzig verabschiedete der Jugendverband auch eine
Oststrategie unter dem Titel "Entschlossen im Osten, Solidarisch im Westen". Da
dem Jugendverband in den ostdeutschen Bundesländern Mitglieder, Geld und
Personal fehlten, sollen Partnerschaften mit Gruppierungen aus dem Westen
helfen, Lücken zu schließen./hrz/DP/zb