11.10.2026 11:30:33 - dpa-AFX: ROUNDUP 3/Nach Trump-Attacke: Ukrainische Regierung stützt Selenskyj
KIEW/WASHINGTON (dpa-AFX) - Die ukrainische Regierung weist die Forderung
von US-Präsident Donald Trump nach einem neuen Präsidenten zurück. Außenminister
Andrij Sybiha schrieb am Abend auf der Plattform X, Selenskyj genieße die
Unterstützung des ukrainischen Volkes und dieses habe das Recht, selbst zu
entscheiden. "Äußerungen aus dem Ausland bestätigen nur, dass er seine Aufgabe
gut erfüllt. Er verdient Unterstützung."
Russland beschoss die ukrainische Hauptstadt Kiew derweil auch am Abend.
Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb auf der Plattform Telegram, es gebe
bereits acht Verletzte, darunter eine 15-Jährige.
Trump hatte am Samstag einen neuen Präsidenten für die Ukraine gefordert und
behauptet, Selenskyj habe vielfach die Gelegenheit gehabt, den Ukraine-Krieg zu
beenden, und sich dagegen entschieden. "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass die
Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt." Die Ukrainer sollten einen neuen
Anführer suchen, der eine Vereinbarung zur Beendigung des Krieges schließen
könne. Denn trotz vieler Möglichkeiten habe Selenskyj das "aus irgendeinem Grund
nie getan." Trump fügte später hinzu: "Ich denke, er sollte Wahlen abhalten."
Begonnen wurde der Krieg aber nicht von der Ukraine, sondern von Russland,
dass vor mehr als viereinhalb Jahren in das Nachbarland einmarschiert war.
Kremlchef Wladimir Putin hat mehrfach Angebote für einen bedingungslosen
Waffenstillstand abgelehnt. Auch spätere diplomatische Initiativen verliefen im
Sande.
Beendet Trump die Geheimdienstkooperation?
Derweil berichtete "Bild"-Reporter Paul Ronzheimer aus Kiew, die Berater von
Selenskyj seien geschockt von den Nachrichten aus Washington, wonach Trump nach
dem Diesel-Deal mit Putin nun einen neuen Präsidenten für die Ukraine fordere.
Ein enger Selenskyj-Berater habe ihm gesagt, ihnen sei klar gewesen, dass die
Ukraine während des Wahlkampfs für die US-Zwischenwahlen im November wieder in
den Fokus geraten würden, berichtete Ronzheimer auf der Plattform X. Aber damit
hätten sie nicht gerechnet. Die größte Sorge sei, dass Trump tatsächlich die
Geheimdienstkooperation beende.
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europaparlaments,
Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), schrieb auf X, wenn Trump Selenskyj zum
Rücktritt auffordere, stelle er sich unmissverständlich auf die Seite des
Mörders. "Über die Führung der Ukraine entscheiden alleine die Ukrainerinnen und
Ukrainer in freien Wahlen, nicht das Weiße Haus und schon gar nicht der Kreml."
Wechsel an Staatsspitze wegen Krieg nicht möglich
Selenskyj hatte sich mehrfach zu direkten Gesprächen mit Putin
bereiterklärt, aber Einladungen nach Moskau kategorisch abgelehnt. Ein Wechsel
an der Staatsspitze der Ukraine ist aktuell nicht möglich, da laut Verfassung
eine Wahl zu Kriegszeiten ausgeschlossen ist.
Trump beschuldigte Selenskyj zudem, mit Angriffen auf den russischen
Energiesektor zur weltweiten Knappheit an Diesel beigetragen zu haben und rief
ihn auf, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. "Er will unseren
Landwirten und Viehzüchtern Probleme mit Dieselkraftstoff bereiten, denn
Russland liefert einen großen Teil des Dieselkraftstoffs weltweit", behauptete
Trump. Tatsächlich waren die Preise für Rohöl und Diesel infolge des
Iran-Krieges in die Höhe geschossen, den die USA und Israel im vergangenen
Februar begonnen hatten.
Am Freitag hatte Trump dann nach einem Telefonat mit Kremlchef Wladimir
Putin einen Diesel-Deal mit Russland verkündet - Hunderttausende Tonnen an
Diesel sollen in den kommenden Monaten aus Russland kommen. Selenskyj reagierte
empört: "Die Erlaubnis für Russland, Erdölprodukte zu verkaufen, ist eine
Investition in den Krieg (gegen die Ukraine), den man beenden und nicht
verlängern muss", schrieb er auf Telegram. Trump steht in den USA angesichts
gestiegener Spritpreise vor den wichtigen Zwischenwahlen in weniger als einem
Monat aktuell stark unter Druck.
Trump lobt Russland
Dagegen bescheinigte Trump Russland die Bereitschaft, den Krieg beenden zu
wollen. Russland wolle eine Vereinbarung treffen, sagte Trump am Abend
(Ortszeit). Aus welchen Gründen auch immer wolle Selenskyj das aber nicht. Wenn
man die Größenverhältnisse ansähe - auf der einen Seite Millionen Soldaten mehr
als auf der anderen - dann wäre es klug gewesen, wenn Selenskyj bereits vor zwei
Jahren eine Vereinbarung getroffen hätte, sagte Trump. "Er wäre deutlich besser
dagestanden." Trump fügte hinzu: "Präsident Putin will dringend ein Abkommen
haben."
Das Verhältnis zwischen Trump und Selenskyj ist wechselhaft: Ein erster
Tiefpunkt war das öffentliche Zerwürfnis der beiden im Februar 2025, als Trump
Selenskyj im Oval Office mangelnden Respekt und fehlende Dankbarkeit vorwarf.
Nach und nach näherten sich die beiden Präsidenten wieder aneinander an, es
wurde ein umstrittenes Rohstoffabkommen unterzeichnet. Nun scheint der nächste
Tiefpunkt erreicht./hme/DP/zb