12.09.2026 15:30:17 - dpa-AFX: ROUNDUP 2/Pipeline stillgelegt: Saudische Ölexporte massiv unter Druck
RIAD/MOKKA/TEHERAN (dpa-AFX) - Der sich ausweitende Konflikt im Nahen Osten
setzt den weltgrößten Ölexporteur Saudi-Arabien massiv unter Druck. Nach der
iranischen Blockade der Straße von Hormus und der zunehmenden Bedrohung der
Meerenge Bab al-Mandab durch die Huthi-Miliz im Jemen muss das Königreich nach
Drohnenangriffen auch noch eine wichtige Pipeline abschalten. Eine daraus
folgende zusätzliche Reduzierung saudischer Exporte könnte den Ölpreis und damit
die Benzinpreise auch in Deutschland noch weiter ansteigen lassen.
Die Ost-West-Pipeline, die unter Umgehung der faktisch blockierten Straße
von Hormus große Mengen Öl vom Persischen Golf zum Roten Meer bringen kann,
wurde nach Angriffen auf die Leitung in den Regionen Riad und Medina vorsorglich
stillgelegt. Das saudische Außenministerium teilte in der Nacht auf der
Plattform X mit, bei dem Drohnenangriff, der aus dem Irak gestartet worden sei,
seien Schäden verursacht und mehrere Menschen verletzt worden.
Irak verurteilt Drohnenangriff von seinem Boden aus
Die irakische Regierung verurteilte den Drohnenangriff auf Saudi-Arabien,
der vom eigenen Boden ausging. Der Ministerpräsident und Oberbefehlshaber der
Streitkräfte, Ali al-Saidi, erklärte auf X, eine Untersuchung solle die Umstände
der Anschläge und die dahinter stehenden Akteure herausfinden. Er ordnete
rechtliche Maßnahmen gegen alle Beteiligten an.
Die proiranische Gruppierung "Islamischer Widerstand im Irak" bestritt
jegliche Beteiligung an dem Drohnenanschlag und erklärte sich bereit, an den
Ermittlungen mitzuwirken. Zugleich warnte sie davor, die Ereignisse auszunutzen,
Spannungen in der Region zu schüren oder die Gruppierung in die
Auseinandersetzungen hineinzuziehen.
Nach dem Angriff auf Saudi-Arabien schloss der Irak nach Angaben der
iranischen Nachrichtenagentur Irna die beiden wichtigsten offiziellen
Grenzübergänge zum Nachbarland Iran, al-Schalamdscha (Persisch: Schalamtscheh)
und al-Schaib (Persisch: Dschaisabeh) für unbestimmte Zeit. Offiziell wurde kein
Grund dafür angegeben.
Zentrale Pipeline mit sehr hoher Kapazität
Die Angriffe auf die Pipeline treffen Saudi-Arabien an einer sehr
empfindlichen Stelle: Über die mehr als 1.200 Kilometer langen Röhren können pro
Tag bis zu sieben Millionen Barrel Öl (ein Barrel entspricht 159 Liter) aus der
Region am Persischen Golf zur Verschiffung nach Westen ans Rote Meer gepumpt
werden.
Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar und der darauffolgenden
weitestgehenden Blockade der Straße von Hormus durch iranische Drohungen und
Angriffe auf Schiffe versucht Saudi-Arabien mit Hilfe der Pipeline einen noch
größeren Einbruch seiner Ölexporte zu verhindern.
US-Medien wie CNN und das "Wall Street Journal" berichteten, bei den
Angriffen seien wohl Pumpstationen der Pipeline getroffen worden. Sie beriefen
sich dabei auf Satellitenbilder, die zeigen sollen, dass es dort zu Bränden
gekommen ist. Wie groß der Schaden ist, und bis wann er behoben werden kann,
blieb zunächst unklar. Die Pipeline-Infrastruktur war bereits im April
angegriffen worden, woraufhin die Kapazität der Röhren kurzzeitig gedrosselt
werden musste.
Saudi-Arabien war vor dem Krieg hinter den USA der zweitgrößte Ölproduzent
und der weltweit wichtigste Exporteur des Rohstoffs, der für die gesamte
Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung ist.
Huthi-Rebellen greifen nach Meerenge Bab al-Mandab
Inzwischen ist auch Saudi-Arabiens wichtigste Routenalternative zur Straße
von Hormus, die Verschiffung über das Rote Meer und die Meerenge Bab al-Mandab
in Richtung Asien, zunehmend gefährdet. Die mit dem Iran verbündeten
Huthi-Rebellen nahmen jemenitischen Regierungsquellen zufolge die gesamte Küste
des Roten Meers im Jemen und strategisch wichtige Inseln ein. Damit haben die
Huthi nun deutlich mehr Zugriff auf Bab al-Mandab. Ein Huthi-Sprecher
versicherte am Freitag zwar, die Sicherheit der Schifffahrt werde gewährleistet
- das gelte jedoch nicht für saudische Schiffe.
Der Bab al-Mandab verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden. Beide sind
Teil einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt, die vom Mittelmeer über
den Suezkanal bis in den Indischen Ozean führt und somit den kürzesten
Schifffahrtsweg zwischen Europa und Asien darstellt. Die Huthi-Miliz hat dort
auch in der Vergangenheit schon immer wieder Schiffe angegriffen.
Ölpreis legt deutlich zu
Der Vormarsch der Huthi und die Schäden an der Pipeline könnten den Ölpreis
in Richtung 120 US-Dollar pro Barrel treiben, sagte der Analyst Hamad Hussain
von der Beratungsfirma Capital Economics dem "Wall Street Journal". Letztlich
hänge das auch vom Ausmaß der Schäden an der Pipeline ab. Manche Analysten
halten bei einem längeren Andauern des Konflikts auch einen noch höheren Ölpreis
für möglich. Noch liegt er aber ein gutes Stück unter dem Jahreshoch von rund
126 Dollar, das Ende April erreicht wurde.
Der Rohöl-Preis legte zuletzt wieder deutlich zu. Der Preis für ein Barrel
der Referenzsorte Brent aus der Nordsee mit Lieferung im November erreichte am
Freitag zeitweise fast 110 US-Dollar. Vor dem Iran-Krieg lag der Ölpreis im
Februar bei um die 70 Dollar pro Barrel. Damals lief noch etwa ein Fünftel der
weltweiten Öl- und Flüssiggasexporte über die Straße von Hormus.
Zange schließt sich um Saudi-Arabien
Im Osten Saudi-Arabiens ist die Passage aus dem Persischen Golf über die
Straße von Hormus weitestgehend blockiert, im Westen schließt sich Bab al-Mandab
- damit werden die möglichen Exportrouten massiv eingeschränkt. Offen bleibt
weiterhin die Passage durch das Nadelöhr des Suez-Kanals. Der Transport zu den
Kunden in Asien dauert von der saudischen Westküste über den Kanal und das
Mittelmeer sowie um Afrika herum jedoch mehrere Wochen länger und ist
entsprechend teurer. Und auch diese Exportroute setzt zum Teil eine
funktionierende Ost-West-Pipeline voraus, denn die größten saudischen Ölfelder
liegen im Osten näher am Persischen Golf.
Die Meerenge Bab al-Mandab ist noch enger als die Straße von Hormus, an der
schmalsten Stelle ist sie nur etwa 20 Kilometer breit. Deswegen dürfte es kaum
möglich sein, dort einen vor Angriffen relativ sicheren Korridor zu etablieren -
anders als in der Straße von Hormus entlang der omanischen Küste, wie das
Institut für Kriegsstudien (ISW) in einer Analyse schreibt.
Die Fähigkeit der Huthi, "die Schifffahrt im Bab al-Mandab zu bedrohen,
bietet dem Iran eine Alternative zur Störung des globalen Energiemarktes",
schreibt das Institut. Dank ihrer neuen Positionen entlang der Küste und auf
einer Insel direkt in der Meerenge könnten die Huthi die Schifffahrt auch mit
Drohnen bedrohen, die vergleichsweise geringe Reichweiten haben, aber
Sprengstoff transportieren können, so das ISW. Dafür kämen zum Beispiel
Hexacopter infrage, also kleine Drohnen mit sechs Propellern.
Huthi gehören zu Teherans "Achse des Widerstands"
Im Jemen ist ein seit Jahren andauernder Konflikt erneut aufgeflammt. Die
Huthi kämpfen gegen die international anerkannte Regierung und deren Verbündete.
Sie gehören zur iranischen "Achse des Widerstands", einem regionalen Netzwerk
aus vom Iran unterstützten Milizen. Teheran unterstützt die Huthi ähnlich wie
die Hisbollah im Libanon mit Waffen, Technologie, Fachwissen und Geld. Auf der
anderen Seite stehen die jemenitische Regierung, die von Saudi-Arabien
unterstützt wird, sowie regierungstreue Kräfte./jbz/DP/zb