22.08.2026 08:05:30 - dpa-AFX: POLITIK: Kurz als Mahner - Österreichs Ex-Kanzler wird 40
WIEN (dpa-AFX) - Für einen Augenblick ist Sebastian Kurz wieder ganz in
seinem alten politischen Element. Der vehemente Verfechter eines
Anti-Migrations-Kurses sagt bei der Zuwanderung eine weitere Dynamik voraus: In
wenigen Jahren werde es darum gehen, Flüchtlinge nicht nur an den Grenzen
zurückzuweisen, sondern sie in größerem Stil nach außerhalb Europas zu bringen.
"Es wird selbstverständlich sein, dass man niemand mehr hineinlassen möchte -
und es wird noch wesentlich restriktiver werden", sagt Kurz der Deutschen
Presse-Agentur, ohne von Remigration sprechen zu wollen.
Rat zu authentischem Klartext
Generell empfiehlt der Konservative den Konservativen in Europa klare
Ansagen. "Ganz oft trauen sich bürgerliche Kräfte nicht, das auszusprechen, was
sie sich denken." Er selbst war in den mehr als drei Jahren seiner Kanzlerschaft
bekannt für politische Formeln, die nicht zuletzt die Fans der Rechtspopulisten
anlocken sollten - und sie tatsächlich scharenweise zu den Konservativen
wechseln ließen. Kurz gewann für die ÖVP zwei Wahlen spektakulär.
Den Aufstieg der AfD sieht er durch das Verhalten der anderen Parteien und
die Migrationspolitik unter Ex-Kanzlerin Angela Merkel stark begünstigt. "Durch
die Politik der offenen Grenzen ist die AfD stark gewachsen. Die Ab- und
Ausgrenzung durch alle anderen Parteien fördert auch noch ein
Alleinstellungsmerkmal", sagt der ehemalige Regierungschef.
Zum Interview aus Anlass seines 40. Geburtstags (27.8.) sitzt Kurz in seinem
Büro in Wiener Bestlage. Er ist seinem Auftreten treu geblieben: Der
Slim-Fit-Anzug, das betont freundliche, unprätentiöse Zugehen auf andere
Menschen, sein fokussierter Blick auf ausgewählte Themen.
Sein Unternehmen ist milliardenschwer
Der inzwischen zweifache Vater galt einst als Hoffnungsträger vieler
Konservativer in Österreich, aber auch darüber hinaus. In Deutschland wurde er
zeitweise als mögliches Vorbild für CDU/CSU gefeiert. Der Abschied von der
Politik 2021 war nicht freiwillig. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft
gegen Kurz wegen möglichen Fehlverhaltens in der "Inseraten-Affäre" legte ihm
der grüne Koalitionspartner den Rücktritt nahe.
Der Wiener begann eine zweite Karriere als Unternehmer. "Ich hatte zunächst
keinen Plan", räumt er ein. Aber nach vielen Gesprächen und Kontakten bekam er
die Chance zur Mitgründung des KI-Unternehmens Dream, das seine Produkte
Regierungen und Betreibern kritischer Infrastruktur anbietet.
Von seinen ursprünglich 33 Prozent der Anteile hält er aktuell noch 15
Prozent. Das Unternehmen, das in Wien, Abu Dhabi und Tel Aviv rund 350
Mitarbeiter beschäftigt, wurde zuletzt auf drei Milliarden Dollar geschätzt.
"Ich bin finanziell unabhängig", sagt Kurz über seinen wirtschaftlichen Erfolg.
Kurz plädiert für Kampf um die besten Köpfe
Die wichtigste Frage heute sei die der Wettbewerbsfähigkeit Europas, so der
ehemalige Regierungschef. Viele Menschen in Deutschland und Österreich seien
sich nicht bewusst, wie dramatisch ihr Wohlstand in einer von KI bestimmten Welt
bedroht sei, sagt der Mitinhaber einer KI-Firma. Große Energieprojekte, Bildung,
der Kampf um die besten Köpfe und der unbedingte Wille, zu den Gewinnern der
neuen Ära zu zählen, wären aus seiner Sicht zentrale Punkte, die die Politik
verkörpern müsste. "Ich habe das Gefühl, im Moment ist das Gegenteil der Fall."
Treffen Kickl-Kurz sorgte für Aufsehen
All diese Aussagen und Bemerkungen mache er als politischer Beobachter,
eigene politische Ambitionen seien daraus nicht abzuleiten, betont der
Ex-Regierungschef, der von 2017 bis zur Ibiza-Affäre 2019 an der Spitze einer
Koalition von ÖVP und rechter FPÖ stand. Von 2020 bis 2021 war er Chef eines
Bündnisses der Konservativen mit den Grünen. In letzterer Koalition wollte er
damals "das Beste aus zwei Welten" miteinander verbinden.
Für innenpolitisches Aufsehen sorgte zuletzt ein Treffen von Kurz mit
FPÖ-Chef Herbert Kickl. Der Vorgang ist nicht ohne Brisanz. Kickl werden beste
Chancen eingeräumt, bei Wahlen als deutlicher Sieger hervorzugehen. Und Kickl
war unter Kurz Innenminister, der auf Druck des Kanzlers seinen Stuhl räumen
musste. "Man soll das Gespräch nicht überinterpretieren. Ich treffe mich mit
unterschiedlichen Politikern und Weggefährten", sagt Kurz jetzt dazu. Es seien
aber Dinge aus der Vergangenheit angesprochen worden, räumt er ein.
Ex-Kanzler sieht etwaiger Anklage gelassen entgegen
Kurz selbst steht möglicherweise noch eine Anklage ins Haus. Die
Staatsanwaltschaft ermittelt in der Inseraten-Affäre. Der Verdacht: Unter
Mitwissen von Kurz soll Steuergeld aus Ministerien genutzt worden sein, um
politisch nützliche Umfragen und wohlwollende Medienberichterstattung zugunsten
von Kurz und der ÖVP zu finanzieren. Der Beschuldigte bezeichnet das Ganze als
"haarsträubendes Verfahren". "Ich habe eines gewonnen, das Zweite werde ich noch
gewinnen", sagt Kurz mit Blick auf seinen Freispruch zum Vorwurf der
Falschaussage in einem Untersuchungsausschuss.
Beim Geburtstag ist der Platz am Grill
Privat scheint bei der Familie Kurz alles im Lot. Der Ex-Kanzler ist
inzwischen Vater von zwei Jungen im Alter von einem Jahr und viereinhalb Jahren.
Mit dem älteren Kind gehe er bereits Bergwandern, Tennisspielen und Radfahren,
erzählt Kurz, der beruflich allerdings nach eigenen Worten mehr als die Hälfte
der Woche durch die Welt fliegt. Der Geburtstag ist dann ganz traditionell
geplant: Auf dem Bauernhof der Familie in Niederösterreich mit Kurz am
Grill./mrd/DP/zb