01.08.2026 18:00:34 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Wie kam es zur Ceuta-Krise?
MADRID/CEUTA/KAIRO (dpa-AFX) - Binnen Stunden strömen Zehntausende Menschen
in die spanische Nordafrika-Exklave. Bewohner verbarrikadieren sich in ihren
Häusern. Andere bedrohen und attackieren die oft sehr jungen Ankömmlinge. Diese
irren zunächst ziellos und halb nackt durch die Straßen - und kehren wenig
später nach Marokko zurück.
Inzwischen hat sich die Lage in der Exklave deutlich entspannt. Doch die
Chaos-Bilder dürften den politischen Streit über Migration in Europa noch lange
bestimmen. Wie konnte es dazu kommen? Eine eindeutige Antwort gibt es bisher
nicht - aber eine Menge Theorien.
Über einen Punkt herrscht in Spanien ungewöhnliche Einigkeit: Der
beispiellose Ansturm wäre nach Ansicht nahezu aller Beobachter ohne das
zumindest zeitweilige Wegschauen der marokkanischen Behörden kaum möglich
gewesen. Die normalerweise streng bewachte Grenze gilt als so sensibel und
kontrollierbar, dass Zehntausende Menschen sie nach Einschätzung der Zeitung "El
País" nicht ohne "Billigung oder Mitwirkung" der Verantwortlichen in Rabat
hätten überwinden können. Die in zahlreichen Videos dokumentierte Untätigkeit
marokkanischer Sicherheitskräfte lasse "keinen Zweifel" daran.
Die Spur führt nach Rabat
Auch in Marokko merken einige Beobachter an, dass ein Vorfall wie der in
Ceuta nur möglich sei, wenn die Behörden dort sie duldeten. Denn König Mohammed
VI. regiert das Land autoritär und hat den Sicherheitsapparat und die digitale
Überwachung mit Überwachungskameras massiv ausbauen lassen. Mehrere Migranten
schildern spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt,
sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Doch welches Interesse könnte Rabat an den chaotischen Szenen gehabt haben?
Klar ist, dass Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez trotz enger
wirtschaftlicher Verflechtungen der Länder für Rabat zum Ärgernis geworden ist.
Der hatte die Beziehungen zu Algerien - Marokkos Nachbar und größter Feind in
der Region - vergangene Woche bei einem Besuch gestärkt. Neben dem Streit der
beiden afrikanischen Nachbarn über die frühere spanische Kolonie Westsahara
betrachtet Marokko zudem die beiden spanischen Exklaven als "besetzte
marokkanische Städte".
Unmut könnte in Rabat auch die jüngste Zustimmung des Justizausschusses des
spanischen Parlaments zu einem Gesetzentwurf ausgelöst haben. Er soll vielen
Sahrauis - den indigenen Bewohnern der Westsahara - und ihren Nachkommen den
Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern. In spanischen Medien wird
spekuliert, dass Marokko darin auch deshalb eine Provokation sieht, weil
Angehörige der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario mit
einem EU-Pass schwerer verfolgt oder strafrechtlich belangt werden könnten. Die
Bewegung Polisario besteht weitgehend aus Sahrauis.
Es ist möglich, dass Rabat Madrid mit einer Lockerung der Grenzkontrollen
ein Signal senden wollte. Belege dafür gibt es zwar nicht. Der Verdacht kommt
jedoch nicht von ungefähr: 2021 warf Spanien Marokko zuletzt vor, im Streit um
die Westsahara Migration und Menschen als Druckmittel eingesetzt zu haben.
Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Polisario in einem
Krankenhaus aufgenommen. Kurz darauf gelangten mehr als 8.000 Menschen nach
Ceuta. Madrid sprach von "Erpressung", Rabat entgegnete: "Handlungen haben
Konsequenzen."
Eine weitere Vermutung ist in der jetzigen Krise: Rabat habe zeigen wollen,
dass seine Rolle als ein Grenzpolizist für Europa nicht selbstverständlich ist.
Das Land erhält für Maßnahmen zur Eindämmung der Migration EU-Gelder in
Millionenhöhe.
Der Blick nach Washington und Jerusalem
Diskutiert werden zudem mögliche Signale, die die spanische
Migrationspolitik gesendet haben könnte. Dazu zählen die Legalisierung bereits
im Land lebender irregulärer Migranten und ein Gerichtsurteil, das
Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer erschwert. Die erste Maßnahme
gilt zwar nicht für Neuankömmlinge, aber es heißt, sie könnten bei Migranten
falsche Hoffnungen genährt haben.
Noch weiter gehen andere Spekulationen. Spanien hat sowohl Israels Vorgehen
im Gazastreifen als auch die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich
zudem dem Druck von Präsident Donald Trump widersetzt, die Ausgaben für
Verteidigung schneller zu erhöhen. Daraus leiten manche Beobachter die Vermutung
ab, Marokko könne im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt
haben, um die linke Regierung in Madrid zu destabilisieren und gleichzeitig die
Migrations- und andere Debatten in Europa anzuheizen.
Ein Israel-naher Analyst forderte deshalb vor einigen Monaten unumwunden,
Israel solle Marokko helfen, Ceuta und Melilla "zurückzuerlangen", um Spanien zu
"bestrafen". Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels an
den Ereignissen in Ceuta gibt es allerdings nicht.
Die marokkanische Regierung kommentiert die Vorfälle auch am Samstag mit
keinem Wort. Aus einer politischen Partei mit Nähe zum Königshof heißt es nur,
ein "nationaler Dialog" zu Problemen der Jugend sei nötig. Einige werfen der
Regierung vor, die Jugend vernachlässigt zu haben. Autor Abdelhamid Bajouki
schreibt, für die Betroffenen sei "das Meer weniger furchteinflößend als das
Zuhause".
Jugend ohne Perspektive in Marokko
Marokkos Wirtschaft wächst so schnell wie seit Jahren nicht, trotzdem ist
die Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Menschen hoch. Laut einer Studie der
Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat jeder Dritte zwischen 15 und 29
Jahren keinen Job, kein Studium und keine Ausbildung. Besonders hart trifft es
Frauen.
In urbanen Zentren wie Casablanca, Rabat oder Fès wie auch im ländlichen
Raum haben Menschen oft keine Perspektive - sie denken an ein Leben in Europa.
Viele fassen Spanien und Frankreich ins Auge, wegen der geografischen Nähe und
historischer Verbindungen dorthin. Beide EU-Länder beheimaten große
marokkanische Gemeinden.
Ausgenutzt wird die Lage von Schmugglern. Zwar versucht die Regierung seit
Jahren, Menschenhandel einzudämmen. Die kriminellen Netzwerke bestehen aber
weiter, in denen auch Migranten aus Ländern südlich der Sahara nach Europa
geschleust werden. 2025 meldeten Marokkos Behörden 73.000 irreguläre Einreisen
ins Land, vor allem aus der Sub-Sahara.
Die Rolle von Handys und Social Media
Eine wichtige Rolle spielten in der Ceuta-Krise offenbar auch die sozialen
Netzwerke. Zahlreiche Migranten berichten, sie seien durch Videos und
Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die angeblich offene Grenze
aufmerksam geworden. Dort habe sich rasch die Hoffnung verbreitet, in Ceuta
würden Unterkünfte bereitstehen und die Weiterreise aufs spanische Festland
winken.
Vor Ort wich die Euphorie jedoch schnell der Ernüchterung. "Man hatte uns
gesagt, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras. Aber das war
alles gelogen", erzählte etwa der 18-jährige Mohamed einem "El País"-Reporter.
Eine junge Mutter klagte: "Ich habe nicht einmal Milch für mein Baby bekommen."
Dass die meisten der 50.000 bis 60.000 Ankömmlinge auch unter dem Druck der
spanischen Sicherheitskräfte schnell wieder "freiwillig" nach Marokko
zurückgingen, ist alles andere als verwunderlich./er/DP/zb