01.08.2026 17:30:44 - dpa-AFX: HINTERGRUND 2: Wie das Niedrigwasser der Wirtschaft zusetzt

(Neu: Pegelstände aktualisiert.)

DÜSSELDORF/HAMBURG (dpa-AFX) - Den großen deutschen Flüssen Rhein, Elbe und
Donau fehlt Wasser, ebenso wie vielen anderen Wasserläufen. Am Samstag wurden
mancherorts neue Tiefststände erreicht. Besserung ist wegen der andauernden
Trockenheit und Hitze vorerst nicht in Sicht - und die Folgen belasten bereits
die Wirtschaft. Ein Überblick:

Wie ist die aktuelle Lage?

Nach Angaben der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) führen deutsche
Flüsse derzeit an vielen Stellen Niedrigwasser. Regenschauer lassen die
Wasserstände nur kurz steigen. "Insgesamt überwiegt die weiterhin sinkende
Tendenz", heißt es in einem Bericht. Laut dem Informationssystem Niwis wiesen
zuletzt rund 44 Prozent der Messstellen im Rhein extrem niedriges Wasser aus, 16
Prozent in der Elbe und circa 78 Prozent der Donau-Messstellen.

In Köln wurde am Samstagmittag der niedrigste Pegelstand seit Beginn der
Aufzeichnungen gemessen: 67 Zentimeter - zwei Zentimeter weniger als im Oktober
2018. In Duisburg-Ruhrort und in Düsseldorf wurden die Tiefststände aus dem
Oktober 2018 wieder erreicht. "Die Wasserstände am Rhein sind auf einem sehr
niedrigen Niveau und sind in den letzten Tagen weiter gefallen", sagt Fabian
Spieß, stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen
Binnenschifffahrt (BDB).

Niedrigwasserphasen sind Experten zufolge nicht ungewöhnlich, treten aber
normalerweise erst im Spätsommer und Herbst auf. Wenig Regen und hohe
Temperaturen lassen unter anderem Wasserstände sinken. Laut BfG führt der
Klimawandel langfristig dazu, dass Niedrigwasserereignisse intensiver werden,
weil mehr Wasser verdunstet.

Welche Auswirkungen gibt es auf die Güterschifffahrt?

Ein Fahrverbot gibt es bei Niedrigwasser nicht, wie Spieß berichtet. Anders
als bei Hochwasser entscheide jeder Schiffsführer selbst, wann es sich nicht
mehr lohne, zu fahren. "Die Schifffahrt fährt, solange es physikalisch und
sicher möglich ist." Allerdings sinke die Lademenge, weshalb mehr Schiffe
eingesetzt werden müssten. Moritz Axt vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt
(WSA) Rhein sagt, Fahrten würden bei sinkenden Pegelständen weniger
wirtschaftlich.

Die Binnenschifffahrtsgesellschaft HGK Shipping unterhält eine Flotte von
mehr als 300 Schiffen, die vor allem auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen
unterwegs sind. Sollte der August ähnlich warm und trocken sein, sei es möglich,
dass die Güterschifffahrt auf Rheinabschnitten zeitweise eingeschränkt werde,
sagt der Chef der HGK-Gruppe, Steffen Bauer.

Welche Folgen hat das Niedrigwasser für die Wirtschaft?

"Die Lage ist ernst. Der Rhein ist eine zentrale Schlagader für den
Güterverkehr in Deutschland", sagt Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen
Wirtschaft (IW). Höhere Transportkosten seien die Folge. Der Druck auf Straße
und Schiene nehme zu, wobei nur begrenzt ausgewichen werden könne. Deshalb
drohten Engpässe in Lieferketten.

Betroffen sind Experten zufolge vor allem Branchen, die auf große Mengen an
Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen sind - etwa Chemie, Stahl und Mineralöl.
"Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt
kompensieren", sagt Schaefer.

Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam, die
Versorgung der Stahlindustrie sei gefährdet. Binnenschiffe könnten nur noch ein
Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Frachtkosten auf
einzelnen Verbindungen hätten sich verdrei- bis vervierfacht. Hinzu kämen Kosten
wegen Verzögerungen und Umplanungen.

Was bedeutet das für Verbraucher?

Schaefer hält es für möglich, dass sich Verbraucher auf höhere Preise
einstellen müssen - etwa bei Baustoffen und Energieprodukten. Der
Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, warnte jüngst im
"Handelsblatt" vor möglichen Engpässen in der Spritversorgung, sollten
Wasserstände des Rheins an wichtigen Stellen weiter sinken. Sollte die
Niedrigwassersituation länger anhalten, könnten Spritpreise vor allem im Süden
steigen.

Kreuzfahrtanbieter müssen zudem Touren umplanen oder absagen. Die Reederei
Phoenix Reisen aus Bonn bietet Kunden bereits an, Reisen über Donau, Mosel und
Rhein umzubuchen. Nicko Cruises aus Stuttgart und A-Rosa aus Rostock sagten
bereits mehrere Donau-Reisen ab, wie sie mitteilten. Das hat Folgen für
Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel entlang der Flüsse.

Wie groß ist der gesamtwirtschaftliche Schaden?

Das Niedrigwasser könne das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen, sagt Stefan Kooths, Direktor der
Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft.
"Man kann den Wertschöpfungsausfall grob auf 1 bis 2 Milliarden Euro im dritten
Quartal beziffern." IW-Ökonom Schaefer nennt keine Zahlen. "Eine Schadenssumme
lässt sich erst dann seriös abschätzen, wenn klarer ist, wie lange die
Einschränkungen andauern."

Wie wird auf das Niedrigwasser reagiert?

Unternehmen wie HGK Shipping setzen spezielle Schiffe ein, die auch bei
niedrigen Wasserständen fahren können. Angedacht sind mancherorts
Fahrrinnenvertiefungen - etwa im Rhein zwischen St. Goar und Mainz. Der
Bundesverband Spedition und Logistik fordert den Bund anlässlich der Entwicklung
auf, in die Wasserstraßen zu investieren. Auch die anderen Verkehrsträger
müssten wegen begrenzter Kapazitäten gestärkt werden.

Wie sind die Aussichten?

In den nächsten Tagen sei an den großen Flüssen überwiegend mit weiter
fallenden Wasserständen zu rechnen, teilt die BfG mit. Die
Niedrigwassersituation werde voraussichtlich weiter anhalten, sich räumlich
ausweiten und bei ausbleibenden Niederschlägen weiter verschärfen. Moritz Axt
vom WSA Rhein sagte: "Entspannung kann es erst geben, wenn großflächige,
langanhaltende Niederschläge im Einzugsgebiet fallen."/cr/lkm/DP/zb

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