01.08.2026 17:30:27 - dpa-AFX: ROUNDUP 2/'Schäbiger Deal': Infantinos Investorenpläne gescheitert

ZÜRICH (dpa-AFX) - Nach dem krachenden Scheitern der milliardenschweren
Investorenpläne von Gianni Infantino stürzen sich die Kritiker auf den
angezählten FIFA-Boss. Unter der Führung von Präsident Aleksander Ceferin heizte
die Europäische Fußball-Union UEFA den Machtkampf mit markigen Worten an und
legte dem Strippenzieher des Weltverbands notdürftig verklausuliert den Abschied
nahe.

"Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren,
sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie", erklärte der
europäische Dachverband, nachdem der angeschlagene Infantino angesichts
weltweiter Empörung und unter massivem öffentlichem Druck bei seinem heftig
umstrittenen Kommerz-Projekt eine peinliche Kehrtwende vollzogen hatte.

Gegenteil von Transparenz

"Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschließend durchzusetzen versucht hat, war das
genaue Gegenteil von Transparenz", polterte die UEFA. Man werde nun mit den
Mitgliedsverbänden und "in enger Zusammenarbeit" mit den anderen Konföderationen
analysieren, wie es dazu kommen konnte, um eine Wiederholung auszuschließen.

"Diese Überprüfung muss gründlich und umfassend sein. Keine Option darf von
vornherein ausgeschlossen werden." Die Forderung der UEFA: Infantino,
verschwinde! Seine Konkurrenten dürfen sich also in Stellung bringen.

Zum neu formierten Empörungs-Establishment gehört auch der Deutsche
Fußball-Bund. "Die Vorgänge rund um dieses von Gianni Infantino initiierte
Projekt müssen jetzt lückenlos aufgeklärt werden. Der FIFA-Präsident hat
eigenmächtig, intransparent und letztlich auch unverantwortlich im Sinne des
Fußballs gehandelt", schrieb DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Forderungen nach neuer FIFA-Kultur

Man müsse "gemeinsam mit der UEFA und anderen Konföderationen dafür sorgen,
dass bei der FIFA eine grundsätzlich andere Kultur" einziehe. Dafür macht sich
unter anderem auch Norwegen stark. "Machtkämpfe hinter verschlossenen Türen"
dürften nicht den Ton angeben, schrieb der Verband. "Grundsätze guter
Verbandsführung" müssten tatsächlich gelebt werden. Die Forderungen nach einem
Reformprozess klingen nun so wie jene nach dem Abgang Joseph Blatters - der 2016
von Infantino beerbt wurde.

Der aktuelle FIFA-Boss hatte eine Mitteilung in die europäische Nacht zum
Samstag hinausschicken lassen, die es in sich hatte. "Nachdem wir uns alle
Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt
zu Spaltungen geführt hat, die - unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung - nicht
mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen", erklärte
Infantino das Ende seiner Investorenpläne.

Die Enterprise und die unendliche Weiten

Dabei hatte der Schweizer aus seiner Sicht eine ziemlich geniale Idee.
Anteile an den Premium-Produkten des Weltverbandes sollten an private Investoren
verkauft werden. Geldgeber hätten rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu
gründenden Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) erwerben können,
dessen Wert zunächst auf insgesamt 20 Milliarden Dollar festgelegt war. Die FFE
hätte die kommerziellen Rechte an den FIFA-Wettbewerben wie der Männer- und
Frauen-WM sowie der Club-WM gebündelt.

Infantino hätte in dem Tochterunternehmen Geschäftsführer werden können -
aus ihm wäre dann quasi der Captain Kirk aus der Science-Fiction-Serie "Star
Trek" geworden. Schier unendliche finanzielle Weiten lockten.
Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit der Tochter von
US-Präsident Donald Trump, Ivanka, verheiratet ist, hätte über seine
Investmentfirma Thrive eine Schlüsselrolle dabei spielen können. Der
US-Präsident wiederum gab an, mit dem FIFA-Chef über die Investorenpläne des
Weltverbandes nicht gesprochen zu haben.

Infantino hatte den 211 Mitgliedsverbänden für die Zustimmung Berichten
zufolge eine Frist bis zum 19. September gegeben und im Gegenzug Sonderzahlungen
in Aussicht gestellt. So sehen Pläne zum Machterhalt aus. Infantinos
galaktisches Vorhaben ist aber geplatzt.

"Vereinen und verbessern"

"Unser Ziel war schon immer - und wird es auch immer sein - zu vereinen und
zu verbessern. Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt", erklärte
Infantino kleinlaut. "In den kommenden Tagen und Wochen möchte ich alle
beteiligten Parteien wieder zusammenbringen - im gemeinsamen Interesse unseres
Sports und mit dem Ziel, den Fußball weltweit weiter voranzubringen,
insbesondere in den Ländern, die unsere Unterstützung am meisten brauchen."

Mit dem Projekt habe er die Mitgliedsverbände stärken wollen, erklärte
Infantino. Zur Umsetzung wäre es ohnehin nur gekommen, wenn eine Mehrheit dem
Projekt zugestimmt hätte.

Infantino ist nicht das erste Mal mit einem zuvor nie erlebten Ausverkauf
von FIFA-Rechten gescheitert. 2018 warb er für einen Investoren-Deal für die
Vermarktungsrechte an einer neuen Club-WM mit 24 Teams sowie einer globalen
Nations League mit einem Finalturnier kontinentaler Champions. Es ging um die
stolze Summe von 25 Milliarden Dollar. Daraus wurde nichts.

Die Unterstützung bröckelt auch intern

Diesmal erlebte Infantino wieder einen im Höchsttempo ansteigenden Druck. So hatte die UEFA nicht nur die Pläne kritisiert, sondern sogar mit einem
WM-Boykott gedroht. "Keine Nationalmannschaften aus der UEFA werden an
irgendeinem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge
weiterbestehen", beschied die UEFA.

Sie legte nach dem Ende der Investorenpläne sogar nach. "Dies ist ein Sieg
für den gesamten Fußball. Doch es darf nicht das Ende der Geschichte sein. Der
Vorschlag ist vom Tisch. Die Aufgabe, das Vertrauen in die FIFA
wiederherzustellen, hat jedoch gerade erst begonnen", teilte die UEFA in einem
Saubermann-Ton mit, den sie selbst nicht immer erfüllen kann.

Auch die für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Concacaf
sowie der asiatische Fußballdachverband AFC gingen auf Distanz zu Infantino und
seinen Plänen. Der südamerikanische Fußballverband Conmebol bezog dagegen
zunächst keine inhaltliche Position und erklärte, die Pläne weiter zu prüfen und
forderte zusätzliche Informationen der FIFA an.

Auch innerhalb des Prachtbaus auf dem Zürichberg bröckelt die Unterstützung
für Infantino. FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf dem 56-Jährigen vor, die
Mitarbeiter hintergangen zu haben. Ein hochrangiger Berater Infantinos, Carlos
Cordeiro, trat aus Protest gegen die Pläne zurück.

Infantino steckt in der Krise

Auch die Weltpresse urteilte hart: "Gianni Infantino hat eine demütigende
Niederlage erlitten", schrieb die "Daily Mail" in England. "Infantino kuscht
nach Aufstand", meinte der Schweizer "Blick". "L'Equipe" in Frankreich schrieb:
"Mit seinem Plan, die Weltmeisterschaft teilweise zu verkaufen, hat
FIFA-Präsident Gianni Infantino so viel Widerstand wie noch nie erfahren. Seit
seiner Wahl zum Präsidenten des Fußball-Weltverbandes im Jahr 2016 ist
Infantinos Position noch nie so stark erschüttert worden. Der Verband steckt nun
in einer Krise."

Mittendrin ist Infantino. Der würde gerne beim 77. FIFA-Kongress im März
nächsten Jahres in Rabat (Marokko) ein weiteres und letztes Mal für vier Jahre
gewählt werden. Mit Kritik und Gegenwind kennt sich der Strippenzieher aus. Wie
geschwächt aber ist seine Position nun wirklich? Konnte er mit dem abgeblasenen
Investorenplan seine Rivalen noch einmal halbwegs milde stimmen? Bis zum 18.
November können Kandidaten ihre Bewerbungen für die Wahl zum FIFA-Präsidenten
einreichen./mom/DP/zb

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