18.07.2026 13:02:04 - dpa-AFX: VERMISCHTES: Warum Hitze die Krise vieler Tierheime noch verschärft

BONN/GIESSEN/PIRMASENS (dpa-AFX) - Für Astrid Paperone war das Sommerwetter
bislang kein Grund zur Freude. Als vor wenigen Wochen in Deutschland mehrere
Tage hintereinander neue Hitzerekorde fielen und es auch in den Nächten tropisch
warm blieb, war das Team um die erste Vorsitzende des Tierschutzvereins im
mittelhessischen Gießen in großer Sorge um ihre Schützlinge.

Wer leidet besonders unter der Hitze? "Alles, was Fell hat", erklärt
Paperone. Dauerhaft klimatisiert ist demnach bislang kein Bereich des Gießener
Tierheims. Klettern die Temperaturen in jene Höhen wie Ende Juni, dreht sich
dort alles nur noch darum, das Wohl der Tiere - vom Kaninchen bis zum Schaf - zu
gewährleisten. "Es ist echt schlimm. Wir haben vorher nie solche Zustände
gehabt."

Tierschutzbund: Vorhandene Probleme werden verschärft

Eine Situation wie in Gießen scheint dabei kein Einzelfall zu sein. Nach
Einschätzung des Deutschen Tierschutzbundes verschärfen Hitzetage die ohnehin
prekäre Lage vieler Einrichtungen weiter. "Es gibt viele Tierheime, die keine
Klimaanlage haben, weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlt oder es baulich
schwierig ist", sagt Sprecherin Kerstin van Kan.

"Angesichts der hohen Tierzahlen bei gleichzeitigen Kostensteigerungen für
Energie, Tierfutter, Personal und Tierarztkosten stehen viele Tierheime
grundsätzlich mit dem Rücken zur Wand." Die zusätzlichen Belastungen durch den
zeitweise höheren Stromverbrauch könnten diese Situation noch massiv
verschärfen.

Laut van Kan müssen Tierheime ohne Klimaanlage - genau wie private Halter -
in Hitzeperioden ein besonderes Augenmerk auf ihre Schützlinge legen. Neben
Schattenplätzen und der Bereitstellung von ausreichend frischem Trinkwasser
könnten kleinere, mobile Klimageräte helfen. "Auch Maßnahmen wie Hundepools, die
im Hundebereich bereitgestellt werden, können ergriffen werden."

Not macht erfinderisch

In Gießen versuchen Mitarbeiter, den Tieren über angepasste Ernährung und
provisorische Maßnahmen Abkühlung zu verschaffen. Was für die Hunde Kühlmatten
sind, ist für die Kaninchen ein kühlender Untergrund durch feuchte Erde.

"Wir versorgen die sehr hitzeempfindlichen Kaninchen mit Melone oder Gurke,
damit sie viel Wasser aufnehmen", erklärt Astrid Paperone. Auch Kühlakkus, die
unter Tonuntersetzer gelegt würden, sollen helfen, die Temperaturen in den
Innenräumen zu senken.

Auch im rheinland-pfälzischen Pirmasens drehte sich in den vergangenen Tagen alles um Abkühlung. Wie die erste Vorsitzende des Tierheims Pirmasens, Birgit
Oster, berichtet, profitiert das Heim zwar von seinem Standort im Wald, der
Schatten spendet.

Trotzdem verändert die Hitze Routinen im Alltag: "Wir passen natürlich
unsere Zeiten auch an und nutzen die kühleren Morgenstunden. Unsere Mitarbeiter
und Gassi-Geher sind angehalten, die Zeiten zu verkürzen und auf die Tiere zu
achten." Auch in Pirmasens gibt es bislang keine Klimageräte.

Weil eine jüngst angeschaffte und durch eine Stiftung hoch bezuschusste
Photovoltaik-Anlage die Stromkosten langfristig senken soll, ziehe man aber in
Betracht, Klimageräte anzuschaffen.

Hitzeschutz hängt am Geld

Wie groß die Unterschiede zwischen den Tierheimen beim Hitzeschutz sind,
hängt nach Einschätzung des Deutschen Tierschutzbundes vor allem von den
finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Einrichtungen ab.

Nach Angaben des Verbandes leiden zahlreiche Tierheime seit Jahren unter
einer chronischen Unterfinanzierung. "Grund sind in erster Linie die
unzureichenden Kostenerstattungen für Aufgaben, die Tierheime im Auftrag der
Kommunen übernehmen, wie etwa die Verwahrung von Fundtieren", sagt Sprecherin
Kerstin van Kan.

Millioneninvestitionen nötig

Obwohl Städte und Gemeinden gesetzlich verpflichtet seien, Fundtiere
unterzubringen und diese Aufgabe meist an gemeinnützige Tierheime übertragen
werde, deckten die vereinbarten Vergütungen die tatsächlichen Kosten häufig
nicht. Die Einrichtungen müssten diese teilweise aus eigener Tasche, also aus
Spenden, Erbschaften und Mitgliedsbeiträgen, finanzieren. Der Verband hat
deshalb im Mai Klage gegen die Bundesrepublik eingereicht.

Es gebe in deutschen Tierheimen einen "Investitionsstau in dreistelliger
Millionenhöhe". Der Verband fordert eine deutlich stärkere finanzielle
Unterstützung. Die Fundtierverträge müssten von den Kommunen an die
tatsächlichen Kosten angepasst werden.

Volle Heime verschärfen Problem

Neben der Belastung durch die Hitze eint die Tierheime in Gießen und
Pirmasens die starke Auslastung. "Wir haben in Gießen gerade über 200 Katzen,
das ist maximaler Hochstand", berichtet Astrid Paperone. Der Bestand im Tierheim
Pirmasens ist laut Birgit Oster zwar geringer, aber auch dort sind es unter
anderem 80 Katzen, die versorgt werden müssen.

Auch hier sieht der Deutsche Tierschutzbund die Politik stärker in der
Pflicht, strengere gesetzliche Regeln und wirksamere Kontrollen zu schaffen,
damit gar nicht erst so viele Tiere in Not geraten und in Tierheimen
landen./gro/DP/zb

© 2000-2026 DZ BANK AG. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen | Impressum
2026 Infront Financial Technology GmbH