15.07.2026 06:45:03 - dpa-AFX: WM 2026/Auf die spanische Art: Drei Gründe fürs WM-Finale
ARLINGTON (dpa-AFX) - Spanien greift 16 Jahre nach dem ersten WM-Titel
wieder nach dem ganz großen Triumph - und das auf eine Art, die so gar nicht zur
Dominanz der Superstars bei diesem XXL-Turnier passen will. Wo andere
Mannschaften sich auf die ganz großen Namen verlassen, hat sich der
Fußball-Europameister die Rückkehr in ein WM-Finale auf seine ganz eigene Art
erarbeitet. Das sind die Gründe:
Der Star ist die Mannschaft
Natürlich, kein Spanier bekommt derart viel Aufmerksamkeit von Fans und
Medien wie Lamine Yamal. Der 19-Jährige, der am Tag vor dem 2:0 gegen Frankreich
seinen Geburtstag feierte und sich dann mit dem erhofften Final-Trip nach New
York beschenken konnte, ist der größte Star seiner Mannschaft. Aber er dominiert
sie bei weitem nicht so, wie ein Lionel Messi Argentinien, Harry Kane und Jude
Bellingham England und Erling Haaland die Norweger. Und auch nicht so sehr wie
Kylian Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembélé das Spiel der Franzosen.
"Wir haben gegen eine der besten Nationalmannschaften gespielt, aber die
mussten gegen die beste Mannschaft antreten. Wir sind ein Team", sagte Trainer
Luis de la Fuente nach der Demonstration spanischer Überlegenheit im
gigantischen Dallas-Stadion.
Spanien steht im WM-Finale - und ihr bekanntester Spieler steht bei der
mageren Ausbeute von einem Tor und einer Vorlage. Entscheidend auf dem Weg ins
Endspiel waren ein Mikel Oyarzabal, für den der Elfmeter-Treffer zur Führung
gegen Frankreich schon das fünfte Tor dieser WM war. Der Profi von Real Sociedad
würde aber vermutlich in keiner Liste der bekanntesten Stürmer einen Platz in
den Top Ten bekommen. Oder der Ex-Dortmunder Mikel Merino mit
Last-Minute-Treffern gegen Portugal und Belgien - als Einwechselspieler.
"Wir arbeiten alle für das gleiche Ziel und nicht nur für das eines
Individuums. Ich habe noch nie eine so vorbildliche Gruppe erlebt, auf dem Platz
und neben dem Platz. In 47 Tagen zusammen hatten wir nicht ein einziges
Problem", lobte de la Fuente.
Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel
Das WM-Finale ist das achte Spiel Spaniens bei dieser XXL-WM in den USA,
Kanada und Mexiko. Gegentore bislang: eins. War das 0:0 gegen Kap Verde zum
Start ins Turnier noch Anlass für Hohn und Spott, hat die Welt längst
eingesehen, dass der Europameister ein defensiv herausragendes Turnier spielt.
Einzig Belgien hat es im Viertelfinale einige Male geschafft, Spaniens
Verteidiger zu stressen - und als einziges Team getroffen. Und wie heißt es so
schön? Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel.
Torwart Unai Simon stellte mit 649 Minuten ohne Gegentreffer einen WM-Rekord
auf, die 36 Jahre alte Bestmarke von Walter Zenga überbot er deutlich. Der oft
in der Kritik stehende Baske von Athletic Bilbao musste auch gegen Frankreich
erst in der Schlussphase selbst aktiv werden, weil seine Vorderleute um Rodri
und den erst 19 Jahre alten Pau Cubarsi alles abräumen und kaum Chancen
zulassen.
Ein Trainer mit der Aura eines Unbesiegbaren
Seit Amtsbeginn im Januar 2023 hat Luis de la Fuente 48 Länderspiele
Spaniens verantwortet. Verloren hat er davon: drei. Und bei Europa- oder
Weltmeisterschaften: keins. Seit dem 0:2 gegen Schottland in der
EM-Qualifikation im März 2023 hat Spanien in Pflichtspielen nur noch das Finale
der Nations League im vorigen Sommer gegen Portugal verloren - im
Elfmeterschießen. Aus dem Spiel heraus ist der Europameister mit de la Fuente an
der Seitenlinie seit mehr als drei Jahren unbezwungen.
"Ich bin immer wieder erstaunt, zu was dieses Team in der Lage ist. Wir
verbessern uns immer wieder, von einem Spiel zum nächsten, von einem Wettbewerb
zum nächsten", schwärmte de la Fuente. "Das ist nicht nur Glück, das ist
Einsatz, Talent, Verzicht und der Wille eine noch bessere Version unserer selbst
zu werden."
Verantwortlich für diese Einstellung ist de la Fuente selbst. Er arbeitet
schon seit 13 Jahren für den spanischen Verband und hatte mit zahlreichen
aktuellen Nationalspielern bereits als Nachwuchscoach zu tun. Dabei vermittelte
er den Spielern seine Werte, als sie noch Teenager waren. Mit Rodri und Merino
beispielsweise holte er 2015 den EM-Titel als Chef der U19-Nationalmannschaft.
Oyarzabal und Dani Olmo standen vier Jahre später in der Startaufstellung, als
Spanien die deutsche U21 im EM-Finale 2:1 besiegte.
Rechtsverteidiger Pedro Porro, der mit dem Tor zum 2:0 alle Zweifel an einem
spanischen Erfolg beseitigt hatte, sagte nach dem Einzug ins Finale: "Natürlich
hätte ich mir selbst in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, eine
Weltmeisterschaft wie diese zu spielen. Aber das habe ich auch meinen
Mitspielern zu verdanken und dem Trainer, der mir vom ersten Moment an vertraut
hat. Nicht erst bei dieser Weltmeisterschaft, sondern schon seit meinem Debüt
bei ihm in der U21."/max/DP/zb