15.07.2026 06:30:04 - dpa-AFX: ROUNDUP/Minister: Mehr Wettbewerb bei Fernzügen gut für Fahrgäste
BERLIN (dpa-AFX) - Mehr Wettbewerb bei Fernzügen in Deutschland ist aus
Sicht von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder grundsätzlich eine gute Sache
für Fahrgäste - allerdings dürften sich neue Unternehmen nicht nur lukrative
Strecken schnappen und die Anbindung ganzer Regionen vernachlässigen. "Im
Grundsatz kann man überhaupt nichts gegen Wettbewerb auf der Schiene haben, aus
Kundensicht jedenfalls überhaupt nicht", sagte der CDU-Politiker der Deutschen
Presse-Agentur. Allerdings müsse sichergestellt sein, dass die
Fernzuganbindungen abseits der großen Metropolregionen erhalten blieben.
Nicht nur lukrative Strecken heraussuchen
"Ich möchte natürlich nicht, dass es ein Unternehmen gibt, das sich nur
lukrative Strecken raussucht und mit den lukrativen Strecken viel Geld verdient
und es an anderen Stellen im Netz und in der Verbindung ein Problem gibt", sagte
Schnieder. "Wenn sich das System komplett umkehrt, und das im großen Stile nicht
mehr der Fall wäre, dann wäre das eine Marktentwicklung, bei der man überlegen
muss: Kann ich das verändern? Muss ich das verändern?"
Hintergrund ist der angekündigte Markteinstieg des italienischen
Unternehmens Italo, das ab 2028 den ICE und Intercity der bundeseigenen
Deutschen Bahn Konkurrenz machen will. Die Pläne sehen vor, zunächst die
Strecken München-Frankfurt-Köln-Dortmund im Stundentakt und
München-Berlin-Hamburg alle zwei Stunden zu fahren. Italo will dafür 30
Hochgeschwindigkeitszüge für 56 tägliche Zugverbindungen ab dem Frühjahr 2028
auf die Gleise schicken.
Bahnbranche in Aufruhr
Die Bahnbranche ist seit dieser Ankündigung in Aufruhr. Fahrgastverbände,
Gewerkschaften, Verkehrsverbünde und die Bahn selbst warnen davor, dass der
Markteinstieg von Italo zulasten des Regional- und Fernverkehrs in der Fläche
gehen könnte.
Die Verbünde im Regionalverkehr warnen davor, auf dem ohnehin schon zu
vollen Netz rund um die Knoten nicht mehr zum Zug zu kommen. Im Fernverkehr
wiederum gibt es die Befürchtung, dass die Bahn Nebenverbindungen nicht mehr
finanzieren kann, wenn sie auf den wirtschaftlichen Rennstrecken zwischen den
Metropolregionen Trassen abgeben müsste.
Bisher nur ein größerer Wettbewerber im Fernverkehr
Derzeit dominiert die Deutsche Bahn rund 95 Prozent des Fernverkehrs in
Deutschland - in ihren Fernzügen waren allein im vergangenen Jahr 136 Millionen
Menschen unterwegs. Der nahezu einzige größere Wettbewerber ist die
Reiseplattform Flix mit ihren grünen Zügen. Dass jetzt ein Unternehmen
dazukomme, sei also gar nichts Neues, sagte Minister Schnieder. "Nein, da kommt
nur einer, der vielleicht andere Ambitionen hat, vielleicht einen anderen Rahmen
anbietet."
Die Bundesnetzagentur hat kürzlich entschieden, dass Wettbewerber der Bahn
künftig auf stark ausgelasteten Strecken mindestens ein Viertel der dortigen
Kapazitäten erhalten müssen.
Das bedeutet, dass auf stark ausgelasteten Korridoren mit ausgewiesenen
Kapazitätsobergrenzen, wie es etwa für die Knoten München und Frankfurt geplant
ist, mindestens ein Konkurrenzunternehmen der Bahn verkehren können soll.
Anreize über Schienenmaut
"Wir müssen das Schienennetz diskriminierungsfrei dem Wettbewerber zur
Verfügung stellen", betonte Minister Schnieder. Gleichzeitig müsse man schauen,
dass die Konnektivität erhalten bleibe, "also Versorgung grundsätzlich in der
Fläche und nicht nur zum Beispiel zwischen München und Berlin".
Um das sicherzustellen, habe die Politik einige Instrumente. "Wir können für
bestimmte Strecken Anreize setzen, indem wir zum Beispiel Trassenpreise
unterschiedlich ausgestalten." Lukrative, vielbefahrene Strecken könnten demnach
höher bepreist werden. Trassenpreise sind eine Art Schienenmaut, die jedes
Bahnunternehmen für die Nutzung der von ihm gewünschten Strecken Trassen zahlen
muss. Zuständig für die Vergabe der Strecken ist die für die Infrastruktur
zuständige Gesellschaft DB InfraGo.
Flix plant ebenfalls Ausweitung
Auch Flix will 2028 seine Präsenz im Fernverkehr deutlich ausweiten. Das
Unternehmen hat für rund 2,4 Milliarden Euro 65 neue Fernzüge beim spanischen
Hersteller Talgo bestellt - ein deutlicher Zuwachs zu den derzeit 15 gebrauchten
Zügen, mit denen das Unternehmen unterwegs ist. Die Talgo-Fahrzeuge sollen
künftig das Rückgrat der Flix-Fernzugflotte bilden. "Wir wollen zig Millionen
zusätzliche Passagiere auf die Schiene bringen", sagte Flix-Chef André
Schwämmlein kürzlich dem Zeitungsnetzwerk RND.
Von Italos geplantem Markteintritt sieht sich das Unternehmen nicht
betroffen. Das werde vor allem ein Problem für die Deutsche Bahn, meinte
Schwämmlein. Dass die neuen Regeln der Bundesnetzagentur wirklich so kommen, sei
noch völlig offen, teilte der Flix-Chef zudem der Deutschen Presse-Agentur mit.
Die DB InfraGo habe bereits rechtliche Bedenken angemeldet, eine
gerichtliche Auseinandersetzung darüber sei absehbar. "Für den Wettbewerb auf
der Schiene ändert sich damit auf absehbare Zeit: überhaupt gar nichts", betonte
Schwämmlein./hoe/DP/zb