04.07.2026 18:17:31 - dpa-AFX: POLITIK/ROUNDUP/Papst auf Lampedusa: Europa vor 'historischer Herausforderung'

LAMPEDUSA (dpa-AFX) - Am südlichsten Punkt Italiens wird Papst Leo XIV. die
Realität von Migranten, die jedes Jahr in Zehntausenden die gefährliche
Überfahrt über das Mittelmeer wagen, besonders eindrücklich vor Augen geführt.
"Vor zehn Jahren hat meine Geschichte hier auf Lampedusa begonnen. Ich war
allein und hatte alles verloren, vor allem meine Mutter", erzählt ein Junge, der
vor Jahren auf einem Migrantenboot auf Lampedusa ankam.

Der Pontifex steht am Denkmal Porta d'Europa (Tor Europas) am südlichsten
Zipfel der Insel, als der Junge ihm seine Geschichte erzählt. Das Denkmal
erinnert an Menschen, die auf dem Weg übers Mittelmeer ums Leben kamen.

Er habe nach seiner Ankunft auf der kleinen Insel zwischen Sizilien und
Nordafrika erst wieder aufgehört zu weinen, als man ihm einen Ball gegeben habe.
"Ich hoffe so sehr, dass dieser Ball, den ich dir jetzt schenke, ein anderes
Kind erreicht und es genauso glücklich macht wie mich." Der Junge hatte seine
Worte an den Papst auch aufgeschrieben und den Ball aufs Papier gemalt.

Seine Geschichte steht exemplarisch für viele ähnliche Schicksale von
Migranten, die die Überfahrt von der nordafrikanischen Küste nach Europa unter
widrigsten Umständen überlebt haben und auf Lampedusa ankommen.

Zehntausende Tote und Vermisste im Mittelmeer

Die Insel gilt seit vielen Jahren als einer der Brennpunkte der
Migrationsbewegung aus Afrika nach Europa. Jedes Jahr wagen Zehntausende
Menschen die gefährliche Fahrt auf meist kleinen, überfüllten und oftmals auch
nicht für die raue See geeigneten Booten über das zentrale Mittelmeer.

Viele von ihnen lassen bei der Überfahrt auch ihr Leben. Die Route über
diesen Teil des Mittelmeers gilt nach Angaben der Internationalen Organisation
für Migration (IOM) noch immer als die tödlichste Migrationsroute auf dem Weg
nach Europa. Seit 2014 registrierte die IOM im gesamten Mittelmeer mehr als
35.000 Tote und Vermisste. Die Organisation geht davon aus, dass viele
Todesfälle undokumentiert bleiben, und die Zahl noch viel höher ist.

Auch wenn die Zahl der Ankünfte auf Lampedusa in den vergangenen beiden
Jahren zurückgegangen ist, bleibt die Insel ein Symbol der europäischen
Migrationskrise. Sie liegt nur rund 130 Kilometer von Nordafrika entfernt und
ist damit oft die erste Anlaufstelle für Boote von dort. Dass Leo nun diesen Ort
besucht, wird als klares Zeichen der Solidarität mit Migranten gesehen.

US-Papst am 4. Juli auf Flüchtlingsinsel

Nicht nur der Ort, an dem sich der Papst für knapp vier Stunden aufhielt,
ist symbolträchtig, sondern auch das Datum. In seinem Heimatland, den USA, wird
am 4. Juli der Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung gefeiert, dieses Jahr
sogar der 250. Unabhängigkeitstag. Ob die zeitliche Überschneidung Zufall ist
oder bewusst gewählt wurde, ist nicht klar. Ein Signal ist es aber allemal.

Zwischen dem Papst und US-Präsident Donald Trump, der den diesjährigen
"Fourth of July" besonders ausschlachtet, gab es in der Vergangenheit wiederholt
Differenzen, insbesondere in der Migrationspolitik. Leo hatte sich bereits
kritisch zur restriktiven US-Einwanderungspolitik geäußert und mehrfach
öffentlich die Würde und den Schutz von Migranten betont.

Europa steht vor "historischer Herausforderung"

Nach seiner Ankunft auf Lampedusa sagte Leo zwar, er sei nicht gekommen, um
Reden zu halten. Dennoch fand er bei einer Messe unter freiem Himmel klare
Worte. Europa stehe in Sachen Migration vor einer "historischen
Herausforderung", der sich der Kontinent stellen müsse. Europa müsse seiner
Verantwortung gerecht werden, sagte Leo vor etwa 4.000 Gläubigen.

Er forderte Europa auf, Migration ganzheitlich anzugehen "indem es Nothilfe
mit einem langfristigen strategischen Plan verbindet". Dieser solle Migranten
aufnehmen, schützen, fördern und integrieren und zugleich dafür sorgen, dass
"niemand zur Auswanderung gezwungen ist". Er betonte zudem, dabei müsse stets
die Würde jedes Einzelnen gewahrt bleiben.

Leo bedankte sich bei den Bewohnern von Lampedusa für das "Wunder der
Mitmenschlichkeit", das sie bei der Aufnahme von Migranten gezeigt hätten. Denn
trotz der vielen Todesopfer auf der Fluchtroute gilt Lampedusa für diejenigen,
die die Überfahrt überleben, als Ort der Rettung. Die Toten nannte Leo "Opfer
sowohl getroffener als auch ausgebliebener Entscheidungen".

Migranten-Pier nach Vorgänger Franziskus benannt

Zuvor besuchte der Papst den Friedhof der Insel. Er legte dort Blumen auf
die Gräber von ertrunkenen Migranten. Besonders symbolträchtig war auch sein
Besuch am Molo Favaloro, der ein zentraler Ankunftsort für Mittelmeer-Migranten
ist. Dort segnete Leo eine Gedenktafel für seinen Vorgänger Franziskus, nach dem
der Pier künftig benannt wird. Auf ihr steht: "Molo Papa Francesco - ein Ort der
Ankunft, der Hoffnung und der Menschlichkeit".

Franziskus hatte Lampedusa 2013 als erstes Reiseziel seines Pontifikats
besucht und die Insel damit früh zu einem Symbol seines Einsatzes für Migranten
gemacht. Immer wieder forderte er, deren Würde ins Zentrum politischen Handelns
zu stellen. Leo setzt diesen Kurs fort. Kürzlich besuchte er schon die Kanaren.
Dort machte er sich für die Würde von Migranten stark./rme/DP/nas

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