21.06.2026 08:00:03 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Das Raumschiff im Westen Berlins - was wird aus dem ICC?

BERLIN (dpa-AFX) - Das markante riesige Gebäude am Berliner Funkturm ist ein
echter Hingucker und regt immer wieder die Fantasie an: Als "Panzerkreuzer
Charlottenburg", wird das ehemalige Internationale Congress Centrum (ICC)
bezeichnet, wahlweise auch als "Raumschiff in der City West" oder als
"schlummerndes Meisterwerk der internationalen High-Tech-Architektur".

Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey nannte es eine schlafende
Schönheit. Das ICC am Messegelände im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gilt als
der größte Lost Place der Hauptstadt. Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie
das leerstehende, einstmals größte Kongresszentrum Europas künftig genutzt
werden könnte. Die Pläne dafür sollen am Mittwoch (24. Juni) vorgestellt werden.

Bereits im November 2024 ist ein Konzeptverfahren dazu gestartet. Inzwischen ist es abgeschlossen. Giffey und Bausenator Christian Gaebler (beide SPD) wollen
über das Ergebnis informieren. So viel steht fest: "Das ICC soll zu einem
international einzigartigen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft
entwickelt werden", wie die Wirtschaftsverwaltung mitteilte.

Nutzungstechnisch befand sich ICC zuletzt in einem Koma-ähnlichen Zustand.
Das Gebäude wurde 1979 eröffnet und prägte jahrzehntelang den Berliner Messe-
und Kongressstandort. Etliche Male erhielt es die Auszeichnung World Travel
Award als weltweit führendes Kongresszentrum.

Der Stahlriese wurde 2014 stillgelegt

Doch 2014 wurde der 313 Meter lange, 89 Meter breite und fast 40 Meter hohe
Stahlriese mit einer Bruttogeschossfläche von 213.021 Quadratmetern stillgelegt.
In dem wuchtigen Bau waren Schadstoffe entdeckt worden.

In 35 Jahren zählte das ICC Millionen von Besuchern aus aller Welt. Das
Spektrum der Veranstaltungen reichte vom Heino-Konzert bis zum Krebskongress.
Die letzte öffentliche Veranstaltung vor der offiziellen Schließung war eine
Daimler-Hauptversammlung.

Die 80 Säle und Räume mit insgesamt 14.500 Sitzplätzen wurden danach kaum
noch genutzt. Die Messe Berlin baute eine kompaktere Kongresshalle mit
geringeren Betriebskosten. Danach herrschte lange Ratlosigkeit, was aus dem
"Panzerkreuzer" werden soll.

Ende 2018 kündigte der Berliner Senat an, das ICC solle zu neuem Leben
erweckt werden. Als denkbar galt vieles. Die Berliner
Immobilienmanagementgesellschaft nannte folgende Einschränkungen:
"Ausgeschlossen sind dabei Nutzungen wie ein Bordell, eine Spielbank oder
vergleichbare Zwecke."

Wird das ICC ein Centre Pompidou in Berlin?

Bei einem Interessenbekundungsverfahren sind im Jahr darauf gut ein Dutzend
Vorschläge eingereicht worden - vom Kongresshotel bis zum Gewächshaus. Seit dem
gleichen Jahr steht der Stahlriese unter Denkmalschutz.

Vor allem Wirtschaftssenator Stephan Schwarz unternahm anschließend einige
Anstrengungen, das Thema ICC wieder auf die politische Agenda zu setzen. "Ich
habe keinen Zweifel, dass das ICC ein regelrechter Magnet werden kann, wie es
das Centre Pompidou in Paris seit den 70er Jahren sehr erfolgreich vorlebt",
sagte er im August 2022.

Das 1977 eröffnete Kunst- und Kulturzentrum der französischen Hauptstadt
beherbergt unter anderem ein Museum für Moderne Kunst und eine Bibliothek.
Schwarz war durchaus bewusst, dass es ein langer Weg sein würde, aus dem ICC ein
Centre Pompidou zu machen.

Da ist zum Beispiel ein immenser Sanierungsbedarf. Der Senator wies auf eine Kostenschätzung aus dem Jahr 2012 hin: 330 Millionen Euro. "Das hat sich
natürlich längst überlebt." Er sah das sportlich: "Ich will alles dafür tun,
damit wir vorankommen und dieses großartige Gebäude den Berlinern zurückgeben",
betonte er.

2021 und 2022 öffnete das Gebäude erstmals für Kulturveranstaltungen. Im
Jahr darauf war das Gebäude 48 Stunden lang für eine breite Öffentlichkeit
kostenfrei zugänglich. Im September 2025 öffnete das stillgelegte
Kongresszentrum für das Projekt "49 h ICC" noch eine Stunde länger.

Wer betreibt künftig das ehemalige Kongresszentrum?

Neben Architekturführungen und Zeitzeugengesprächen gab es dabei auch
Aktivitäten wie Yoga, Cycling und Running oder Lichtschwert-Workshops. Tausende
von Besuchern nutzten die Gelegenheit, sich das Raumschiff von innen anzusehen.

Im Spätherbst 2024 startete dann der internationale Wettbewerb zur künftigen Nutzung des riesigen Gebäudes. Das Land Berlin kündigte an, das ICC per
Erbbaurecht für 99 Jahre an einen Betreiber abgeben zu wollen.

Im vergangenen Oktober gab die Wirtschaftsverwaltung bekannt, dass das
Konzeptverfahren nur noch mit einer Bieter-Gruppe aus mehreren Unternehmen
fortgeführt werde. Andere Bewerber hätten die Anforderungen im
Teilnahmewettbewerb nicht in ausreichendem Maß erfüllt und seien daher nicht zur
nächsten Runde zugelassen worden, argumentierte die Wirtschaftsverwaltung.

Nach einem Bericht der "Berliner Morgenpost" sollen die Betreiber des
Leipziger Kunst- und Kreativkomplexes Spinnerei das ICC künftig betreiben. Die
koordinierende Rolle übernehme die MIB AG mit Sitz in Berlin und Leipzig. Die
Wirtschaftsverwaltung teilte dazu auf dpa-Anfrage mit, der Senat werde sich am
Dienstag mit der Vorlage zu dem Thema befassen. "Wir stellen die offizielle
Vergabeempfehlung des Steuerungsausschusses am Mittwoch wie geplant
vor."/ah/DP/zb

© 2000-2026 DZ BANK AG. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen | Impressum
2026 Infront Financial Technology GmbH