21.06.2026 08:00:03 - dpa-AFX: HINTERGRUND: Zehn Jahre EU-Referendum - Was der Brexit wirklich bedeutet

LONDON (dpa-AFX) - "The British people have spoken and the answer is, we're
out". Mit diesen Worten verkündete BBC-Moderator David Dimbleby am Morgen nach
dem Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 das haarscharf ausgegangene Ergebnis.
Mit 52 zu 48 Prozent hatten die Briten für den Austritt gestimmt. Der Schock war
groß und hallt bis heute nach.

Was folgte, war ein endloses Gezerre um die Modalitäten des EU-Austritts und politisches Chaos. Und auch wenn die Mehrheit der Briten laut Umfragen längst
wieder in die EU will, ist das Land nach wie vor tief gespalten in "Remainer"
und "Leaver".

"Brexit bedeutet Brexit", sagte Ex-Premierministerin Theresa May
gebetsmühlenhaft. Doch was bedeutete der Brexit wirklich?

Einwanderer und neue Flüchtlingsroute

Die Kontrolle über die eigenen Grenzen wiederzuerlangen, war eines der
wichtigsten Versprechen der Brexit-Befürworter. Doch obwohl die Freizügigkeit
für EU-Bürger endete, gingen mit dem Austritt die Einwandererzahlen nicht
runter, sondern steil nach oben - es kamen einfach mehr Menschen aus
Nicht-EU-Ländern. Ihren bisherigen Höchststand erreichte die Netto-Zuwanderung
in den zwölf Monaten bis Mitte 2023. In diesem Zeitraum reisten mehr als 900.000
Menschen mehr nach Großbritannien ein als aus. Die jüngsten Zahlen lagen mit
204.000 Menschen deutlich darunter.

Erst mit dem Brexit begannen die Überfahrten irregulärer Migranten über den
Ärmelkanal. Insgesamt mehr als 200.000 Menschen erreichten so die englische
Küste seit 2018, um Asyl zu beantragen. Hintergrund dürfte unter anderem sein,
dass durch den Austritt der Briten eine Rückführung der irregulären Migranten in
EU-Staaten nicht mehr ohne Weiteres möglich ist.

Ironischerweise wurden die Boote zum wichtigsten Wahlkampfthema für
Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage, der mit seiner Partei Reform UK inzwischen die
Umfragen anführt und damit auf Kurs ist, Premierminister zu werden.

Handel - Freihandelsabkommen

Obwohl der ganz große Schock für die britische Wirtschaft ausblieb, was auch daran lag, dass bis zum eigentlichen Austritt am 31. Januar 2020 alles beim
Alten blieb, hat etwa der Handel stark gelitten.

Von Brexit-Befürwortern waren die Warnungen als "Project Fear" (Projekt
Angst) verunglimpft worden. Doch der Denkfabrik Centre for European Reform
zufolge sind die Importe aus der EU um 16 Prozent geringer als sie es ohne
Brexit wären. Bei den Ausfuhren liegt demnach das Minus bei 12 Prozent.
Zeitweise rutschte das Vereinigte Königreich gar von der Liste der zehn
wichtigsten Handelspartner Deutschlands.

Und auch die vollmundigen Versprechungen der Brexiteers trafen nicht ein.
Weder kam ein weitreichendes Freihandelsabkommen mit den USA zustande, noch
wurde der Traum eines von lästigen Regelungen befreiten Finanzplatzes nach dem
Vorbild Singapurs zur Wirklichkeit. Viele Handelsabkommen, die London nach dem
Brexit schloss, traf es mit Ländern, über die es bereits mit der EU ein Abkommen
gab.

Politisches Chaos

Ob nun Ursache oder Folge: Ab dem Brexit-Referendum herrscht in der
britischen Politik Chaos. Seit 2016 gaben sich die Premierministerinnen und
Premierminister die Klinke in die Hand. Sollte es, wie erwartet, bald zum Sturz
des Labour-Premiers Keir Starmer kommen, wäre die Nachfolgerin oder der
Nachfolger der siebte Regierungschef seit dem EU-Referendum. Das sind so viele
wie in den 40 Jahren davor.

Als Erbe der Volksabstimmung gilt auch, dass die Wählerschaft seitdem tief
in "Remainer" und "Leaver" anstatt in Links und Rechts gespalten ist. Die
Brexit-Gegner sind zudem jünger und eher akademisch gebildet als die Befürworter
des Austritts. Dass inzwischen in Umfragen eine klare Mehrheit der Briten für
einen Wiedereintritt in die EU ist, liegt nach Einschätzung des
Politikprofessors Anand Menon vom King's College in London vor allem daran, dass
viele Brexit-Anhänger inzwischen gestorben sind.

Die politische Landschaft in Großbritannien hat das Referendum grundlegend
verändert. Die sozialdemokratische Labour-Partei verlor einen Großteil ihrer
Anhänger aus der Arbeiterschaft an die Konservativen (Tories) und die
Rechtspopulisten von Reform UK. Die Tories wiederum können sich nicht mehr auf
einen Großteil der Akademiker und der Mittelschicht stützen. Beide großen
Wählergruppen, "Remainer" und "Leaver" verteilen sich inzwischen auf mehr als
eine Partei. Das faktische Zweiparteiensystem gilt damit als so gut wie passé.

Abspaltungstendenzen

Als Folge des Brexits gilt auch, dass die kleineren Landesteile des
Vereinigten Königreichs nach Unabhängigkeit streben. Inzwischen sind die
Chefposten der Regierungen von Nordirland, Schottland und Wales allesamt mit
Mitgliedern von Unabhängigkeitsparteien besetzt. Besonders in Nordirland, wo der
Brexit alte Ängste vor einer harten Grenze zwischen den beiden Teilen der Insel
schürte, erscheint eine Abspaltung von Großbritannien nicht mehr als
futuristisches Szenario.

Treten die Briten irgendwann wieder ein?

Lange Zeit war diese Frage ein Tabu, das niemand im politischen
Großbritannien ansprechen wollte. Zu groß war die Angst davor, dem
Rechtspopulisten Farage in die Hände zu spielen, der allzu gern Verrat am
Wählerwillen anprangert. Insbesondere Premierminister Keir Starmer scheute das
Thema.

Doch das änderte sich in den vergangenen Wochen. Ex-Gesundheitsminister Wes
Streeting bezeichnete den Austritt nach seinem Rücktritt aus dem Kabinett
Starmers als "katastrophalen Fehler" und empfahl sich dabei als Nachfolger des
glücklosen Regierungschefs. "Wir brauchen eine neue besondere Beziehung zur EU,
denn die Zukunft Großbritanniens liegt in Europa - und eines Tages wieder in der
Europäischen Union", sagte Streeting und ging damit noch einen Schritt weiter
als der Favorit auf die Starmer-Nachfolge Andy Burnham, der sich eine Rückkehr
in seiner Lebenszeit wünschte./cmy/DP/zb

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