09.06.2026 15:44:59 - dpa-AFX: ROUNDUP 4: Strom in Reutlingen zurück - Rätsel um Brandstifter bleibt
(neu: Details.)
STUTTGART/REUTLINGEN (dpa-AFX) - Nach dem weitreichenden Brand in einem
Umspannwerk in Reutlingen ist die Stromversorgung für alle Privathaushalte
wiederhergestellt. Nur noch rund 50 Kunden im Gewerbegebiet seien derzeit nicht
angeschlossen, teilte die FairNetz GmbH mit.
Der Netzbetreiber Netze BW rechnet damit, dass auch die verbliebenen
Industrie- und Gewerbekunden bis Mittwoch wieder ans Netz gehen. "Hoffentlich
ist die Vollversorgung morgen wiederhergestellt", sagte Richard Huber, Leiter
systemübergreifende Infrastruktur bei der Netze BW. Den Gesamtschaden zu
beheben, wird seinen Worten nach noch Wochen oder gar Monate dauern. Das aber
habe keine Auswirkungen auf die Stromkunden. Was die Arbeiten kosten werden, sei
bis jetzt nicht zu beziffern, es dürfte sich aber um Millionen von Euro handeln,
sagte Huber.
Ermittler tappen im Dunkeln - extremistisches Motiv?
Währen die Stromversorgung wieder weitgehend läuft, tun sich die Ermittler
bei ihrer Suche nach den Tätern und dem möglichen Motiv hingegen schwer. "Wir
ermitteln ergebnisoffen weiter", sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes
(LKA) in Stuttgart. Es gebe keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund.
"Wir haben kein Bekennerschreiben." Der am Umspannwerk gesicherte, mögliche
Brandbeschleuniger und weitere Asservate würden nun analysiert.
Das Ermittlungsverfahren wird beim Staatsschutzzentrum der
Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart geführt. Der Grund: Der Tat liege
möglicherweise eine extremistische Motivation zugrunde. "Eine Bekennung zur Tat
wurde hier bislang nicht bekannt", sagte auch ein Sprecher der
Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart.
Kritische Infrastruktur als wunder Punkt
Kritische Infrastruktur wie die Stromversorgung lässt sich nach Worten von
Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) nur bis zu einem
gewissen Maß schützen. "Die Vorstellung, dass wir alle Umspannwerke quasi von
der Öffentlichkeit abschirmen, die ist kaum durchsetzbar", sagte Özdemir in
Stuttgart. Trotzdem prüfe man, was man nach dem Brand in einem Umspannwerk mit
großflächigem Stromausfall in Reutlingen besser machen könne. "Es geht darum,
unsere Resilienz zu stärken, um möglichst wenig angreifbar zu sein", sagte
Özdemir. Es sei aber zu früh, zu sagen, was man aus dem Fall in Reutlingen
lernen könne.
Netze BW selbst äußerte sich nicht zu eigenen Sicherheitskonzepten - etwa
Kameras auf dem Gelände. Man schärfe die Sicherheitskonzepte für alle Anlagen
immer wieder nach, sagte Huber. "Wir akzeptieren nicht, dass Anlagen einfach
angreifbar sind." Details nannte er nicht. Eine vollständige Sicherheit gebe es
aber nicht. Zudem sei ab einem bestimmten Ausmaß von Sicherheitsvorkehrungen
auch die Politik gefragt. "Da sehen wir die Verantwortung eher beim Staat als
bei uns." Wenn jemand mit entsprechender Vorbereitung und entsprechender
Ausrüstung eine Anlage schädigen wolle, könne sich jeder vorstellen, welcher Art
die Zäune sein müssten. "Und das war bisher definitiv nicht die Aufgabe der
Netzbetreiber."
Hinweise auf Brandbeschleuniger
Die bisherigen Ermittlungen hätten Hinweise auf einen eingesetzten
Brandbeschleuniger ergeben. Die kriminaltechnischen Analysen und
Laboruntersuchungen dauern an. Das Ermittlungsverfahren wird derzeit gegen
unbekannt wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandstiftung und der Störung
öffentlicher Betriebe geführt.
Reutlingen hat knapp 120.000 Einwohner und liegt am Fuße der Schwäbischen
Alb. Nach Angaben von Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU) waren
rund 7.600 Gebäude und etwa 40.000 Menschen von dem Stromausfall betroffen.
Zehntausende für Stunden ohne Strom
Der Brand im Umspannwerk Reutlingen-West war in der Nacht zu Montag
ausgebrochen. In der Folge fiel das Umspannwerk aus, eine weitere Anlage wurde
in Mitleidenschaft gezogen. Zeitweise waren dadurch Zehntausende Menschen ohne
Strom, auch ein Krankenhaus war betroffen.
Laut der Stadt Reutlingen sind alle betroffenen Privathaushalte provisorisch
wieder mit Strom versorgt. Rund 50 Mittelspannungskunden
- in der Regel Großverbraucher, die direkt an ein leistungsstärkeres
Stromnetz angeschlossen sind - seien noch nicht am Netz. "Das bedeutet, dass das
Industriegebiet Mark West voraussichtlich erst morgen Abend wieder Strom hat. In
den betroffenen Gebieten ist die Polizei mit zusätzlichen Kräften im Einsatz."
Aus Schutz vor möglichen Plünderungen soll eine am Montag entsandte
Hundertschaft des Polizeipräsidiums in Reutlingen so lange nachts im Einsatz
sein, bis die Stromversorgung komplett wieder hergestellt ist. "Sie sind
präsent, um mögliche Straftaten zu verhindern und den Bürgern ein
Ansprechpartner zu sein", sagte eine Polizeisprecherin. Die Beamten fahren
Streife und sind auch zu Fuß unterwegs./tat/DP/men