01.05.2026 09:08:12 - dpa-AFX: SPORT/Wie bei der EU: Die Formel 1 probt den Neustart

MIAMI (dpa-AFX) - Begeistert ist Chefkritiker Max Verstappen nicht. Nach
fünf Wochen Pause und einer Dauerdebatte um das neue Reglement kehrt die Formel
1 in Miami zwar mit einem Soforthilfeprogramm zurück. Doch der Red-Bull-Star aus
den Niederlanden rechnet nicht mit einem grundsätzlichen Wandel des Racings.
Verstappen erkennt aber guten Willen. Immerhin.

"Die Formel 1 ist ein sehr komplexer und politischer Sport. Ich glaube,
jeder hat sein Bestes gegeben, um wenigstens etwas zu tun, aber natürlich wird
das die Welt nicht verändern", meinte Verstappen vor dem Grand Prix in Florida
am Sonntag (22.00 Uhr MESZ/RTL und Sky).

Der viermalige Weltmeister hatte die Regelrevolution der Formel 1 zu dieser
Saison scharf kritisiert und das derzeitige Rennenfahren mit dem Videospiel
"Mario Kart" verglichen. "Es macht mir im Moment keinen Spaß, dieses Auto zu
fahren", räumte Verstappen ein, dessen Red Bull in den ersten drei Grand Prix
nur hinterherfuhr.

Hamilton will einen Platz am Verhandlungstisch

Der 28-Jährige ist ein Vollgaspilot. Doch seit dieser Saison fühlt er sich
erheblich eingebremst. Denn die Fahrer sind in ihren neuen Autos während der
Rennen zu permanentem Batterie-Management aufgerufen. Die Aggregate beziehen zu
gut 50 Prozent Leistung vom Verbrenner und zu fast 50 Prozent aus der Batterie,
die wieder geladen werden muss. Im Cockpit verdrängt zunächst das Kalkül den
Impuls.

Verstappen und seine Kollegen fühlen sich immerhin gehört. "Das Positive
ist, dass wir einige gute Gespräche mit der Formel 1 und der Fia geführt haben.
Das ist hoffentlich eine gute Basis für die Zukunft", sagte Verstappen, der sich
künftig mehr Mitsprache in Regelfragen wünscht. "Wir haben ein gutes Verständnis
und ein gutes Gespür dafür, was nötig ist, um die Formel 1 zu einem guten
Produkt zu machen, zu einem Produkt, das Spaß macht."

Die seit dieser Saison geltende Reform wurde von den Motorenherstellern
dirigiert. Verstappens Einschätzung teilt auch Rekordweltmeister Lewis Hamilton.
"Sprecht mit uns, wir arbeiten Hand in Hand", appellierte der Ferrari-Star, der
die neuen Regeln im Gegensatz zu Verstappen nicht verdammt hat. "Wir haben
derzeit keinen Platz am Verhandlungstisch, das muss sich aber ändern."

Debatten wie bei der EU

Verhandlungen über Regeln und deren Änderungen sind zäh. Der Technikchef für die Einsitzer beim Motorsport-Weltverband Fia, Jan Monchaux, verglich den
Prozess mit der Entscheidungsfindung bei der EU, wo 27 Mitgliedsstaaten ihre
eigenen Interessen verfolgen, und am Ende ein Kompromiss rauskommt

"Warum war ich fünf Tage auf Gran Canaria?", fragte der Franzose nach den
anstrengenden Gesprächen mit den fünf Motorenherstellern und insgesamt elf Teams
über Verbesserungsmaßnahmen in einer Medienrunde vor dem vierten Grand Prix des
Jahres rhetorisch. "Es ist mühsam. Da sitzen nur Ingenieure. Und der Ingenieur
meint immer, er hat die Lösung."

Monchaux und seine Abteilung bekamen den Auftrag, während der durch den
Iran-Krieg auf fünf Wochen ausgedehnten Formel-1-Pause nachzuschärfen. Vor allem
in Sachen Qualifikation und Sicherheit. "Wir hatten alle die Pistole am Kopf",
sagte Monchaux über den klaren Auftrag der Bosse.

Ist der Vorlauf zu knapp?

Allerdings war der Zeitrahmen sehr eng. Normalerweise würde ein Sofortpaket, wie es nun innerhalb von drei Wochen verabschiedet wurde, eigentlich drei bis
vier Monate Vorlauf benötigen. Deshalb sei zum Beispiel die neue Software nicht
so erprobt, wie es die Fia gerne gehabt hätte.

Die Maßnahmen, die unter anderem für mehr Spannung und besseres Racing zur
Unterhaltung der Fans dienen sollen, betreffen Qualifikation, Rennen, Starts und
feuchte Bedingungen.

In der Startplatzjagd etwa wird die Energie-Menge, die von den Fahrern pro
Runde maximal wiedergewonnen werden darf, von acht auf sieben Megajoule
reduziert. Dadurch sollen die Piloten mehr Vollgas fahren können. Zudem wurde
das Limit beim sogenannten Superclipping von 250 kW auf 350 kW erhöht. In diesem
Modus können - vereinfacht gesagt - Autos Energie zurückgewinnen, während der
Fahrer Vollgas gibt.

"Die Formel 1 und die Fia sind keine Dummköpfe"

Im Rennen wiederum können die Piloten künftig mit dem Boost-Knopf nur noch
150 kW zusätzlich freisetzen. Zuvor waren es 350 kW. Dadurch sollen die
Geschwindigkeitsunterschiede beim Überholen reduziert werden, was wiederum die
Sicherheit erhöhen soll. "Ich glaube, wir haben das Qualifying deutlich
verbessert und die Risiken im Rennen deutlich reduziert", meinte Monchaux, der
allerdings schon jetzt mit Nachbesserungen rechnet.

Im Simulator seien kaum grundsätzliche Änderungen aufgefallen, merkten
einige Fahrer an. "Alleine die Regeländerungen werden die Rangordnung nicht
umwerfen, dafür waren die Korrekturen einfach zu gering", meinte McLaren-Pilot
Oscar Piastri.

Der Vorsitzende der Fahrergewerkschaft und WM-Zweite, George Russell, fand
die Kritik an den Regeln und dem Weltverband überzogen, zumal Fahrer egoistisch
ihre eigenen Interessen verfolgen würden. "Die Wahrheit ist: Die Formel 1 und
die Fia sind keine Dummköpfe", sagte der Mercedes-Fahrer. "Sie wissen, was sie
tun, und die Fans lieben die Rennen derzeit. Ob zu Recht oder zu Unrecht: Die
Rennen sind spannend." Ob das Soforthilfeprogramm aber schon in Miami greift,
wird sich erst noch zeigen./mom/DP/men

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