15.02.2026 15:00:38 - dpa-AFX: ROUNDUP 4/Europäische Länder: Nawalny starb laut Analyse an Nervengift
MÜNCHEN (dpa-AFX) - Zwei Jahre nach dem Tod von Alexej Nawalny steht für
Deutschland und vier weitere europäische Länder fest, dass Russland den
prominenten Kremlkritiker mit einem starken Nervengift umgebracht hat.
Außenminister Johann Wadephul erklärte bei einem aufsehenerregenden Auftritt mit
Nawalnys Witwe am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz, nach Analysen von
Proben sterblicher Überreste sei klar: "Alexej Nawalny wurde in russischer
Gefangenschaft vergiftet."
Julia Nawalnaja sagte, nun habe man den Beweis, dass Kremlchef Wladimir
Putin ein Mörder sei. Schon vor zwei Jahren hatte sie auf der Konferenz
angesichts der damaligen Berichte über den Tod ihres Mannes zum Kampf gegen den
russischen Machtapparat aufgerufen. Nun forderten Wadephul, dessen Kolleginnen
und Kollegen aus Großbritannien, Frankreich, Schweden sowie den Niederlanden und
Nawalnaja erneut Konsequenzen für Putin.
Solche Folgen muss der Kremlchef aber zunächst nicht fürchten. So blieb etwa
ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wegen des von
Putin vor fast vier Jahren begonnenen Angriffskriegs auf die Ukraine bislang
folgenlos, weil das Gericht keinen Zugriff auf den Kremlchef hat.
Moskau spricht von Ablenkungsmanöver
Für das russische Außenministerium nannte Sprecherin Maria Sacharowa die
Veröffentlichung eine "Informationskampagne mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit von
den drängenden Problemen des Westens abzulenken".
Wadephul sagte auf eine Journalistenfrage, warum die Analysen so lange
gedauert hätten, es habe sich um ein kompliziertes Verfahren gehandelt. Details
nannte er nicht. Er betonte: "Es ist heute eine passende Gelegenheit, das der
Öffentlichkeit auch zu präsentieren" Dies zeige, dass Putin fürchten müsse,
"dass so etwas nicht unter der Decke bleibt".
Hochgiftige Substanz aus Hautdrüsensekret bestimmter Pfeilgiftfrösche
Die sterblichen Überreste Nawalnys hätten ein besonders starkes Nervengift,
Epibaditin, enthalten, sagte Wadephul. Die Wirkung des im Hautdrüsensekret von
Baumsteigerfröschen in Ecuador, sogenannten Pfeilgiftfröschen, vorkommenden
Giftes sei 200 Mal so stark wie Morphium. Das Nervengift lässt sich inzwischen
auch im Labor herstellen. Am effektivsten wirkt Epibaditin bei Injektion ins
Blut, ist aber auch bei Verschlucken wirksam. Der Tod tritt durch Atemstillstand
ein.
Tod in Strafkolonie nördlich des Polarkreises
Nawalny galt als prominentester Gegner Putins, auch weil er Korruptionsfälle
aufdeckte und dessen nach außen getragenen konservativen Werte als hohl
entlarvte. Damit schuf er sich in Putin einen Todfeind. Selbst den Namen seines
Kontrahenten sprach der Präsident nicht aus.
Dass Nawalny eine echte Gefahr für das System darstellte, zeigt die Moskauer
Oberbürgermeister-Wahl von 2013, wo er trotz Hindernissen 27 Prozent der Stimmen
gegen den Amtsinhaber und Putin-Vertrauten Sergej Sobjanin holte.
2020 wurde Nawalny vergiftet und im Koma liegend nach Deutschland geflogen,
wo er in der Berliner Charité behandelt wurde. Russlands Behörden nahmen ihn im
Januar 2021 bei seiner Rückkehr noch auf dem Flughafen fest - wegen des
angeblichen Verstoßes gegen frühere Bewährungsauflagen.
Später verurteilten russische Gerichte Nawalny zu langen Haftstrafen
- unter anderem wegen Extremismus. Am 16. Februar 2024 starb er in
einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises. Damals war er 47 Jahre alt - die
russischen Behörden sprachen von einer natürlichen Todesursache.
Chemiewaffen-Kontrolleure sollen sich mit Analysen beschäftigen
"Niemand außer Putins Schergen wird uns sagen können, wie dieser 16. Februar
2024 in der russischen Strafkolonie im Einzelnen abgelaufen ist", sagte
Wadephul. "Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv
und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen."
Vor dem Hintergrund, dass das Gift in Russland in der Natur nicht vorkommt
und im Labor hergestellt werden kann, kritisierte Wadephul, Putin seien auch
seine Verpflichtungen nach dem Chemiewaffenübereinkommen völlig egal. Deshalb
habe man den Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen
über die Erkenntnisse informiert. Das Abkommen hat ein weltweites Verbot
chemischer Waffen und die Vernichtung von Chemiewaffenbeständen zum Ziel.
"Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam, aber entschlossen"
Nawalnaja erklärte in einer teils auf russisch gehaltenen Rede, sie hoffe,
dass Putin "irgendwann auf der Anklagebank landet und sich für alles, was er
getan hat, verantworten muss".
Die britische Außenministerin Yvette Cooper zitierte in München Nawalnys
Worte: "Wir müssen das tun, was sie fürchten. Sagt die Wahrheit, verbreitet die
Wahrheit. Das ist die mächtigste Waffe." Schwedens Außenministerin Maria
Stenergard sprach von einem wichtigen Schritt, um Russland zur Rechenschaft zu
ziehen und seine fortwährenden Lügen aufzudecken. Der niederländische
Außenminister David van Weel sagte, die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten zwar
vielleicht langsam, aber entschlossen für Nawalny./bk/DP/zb