26.12.2025 15:25:21 - dpa-AFX: VERMISCHTES/Geliebte tödliche Tradition: Silvester-Böllerei lässt Tiere leiden

HAMBURG (dpa-AFX) - Dass es mal blitzt und donnert, sind Tiere von Gewittern
gewohnt - die inzwischen kriegsähnliche Böllerei zum Jahreswechsel allerdings
versetzt viele von ihnen in tödliche Panik. "Silvester ist eine Katastrophe für
Tiere", sagt Klaus Hackländer, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. Nach
jeder Silvesternacht lägen tote Vögel in der Gegend, die in Panik etwa gegen
Wände geflogen seien, in den Alpen stürzten Gämsen von Felsen, wenn an Almhütten
Feuerwerk gezündet werde.

Feuerwerk boomt - die Nachfrage liegt in diesem Jahr auf Rekordniveau: Von
Januar bis September wurden mehr als 42.400 Tonnen Feuerwerkskörper nach
Deutschland importiert, noch einmal fast zwei Drittel (62,6 Prozent) mehr als im
Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt berichtet.

Genaue Zahlen dazu, wie viele Tiere in der Silvesternacht in panischer
Flucht verletzt werden oder sterben, gebe es nicht, sagt Hackländer. Ohnehin sei
das tatsächliche Ausmaß wahrscheinlich weitaus größer: Etliche Tiere lebten im
Winter auf Sparflamme - nicht nur die Winterschläfer, sondern zum Beispiel auch
Singvögel und Rehe, die sich nicht mehr bewegten als zwingend nötig. Die
tagelange Aufruhr um Silvester herum bedeute einen deutlich höheren Grundumsatz
und damit schwindende Reserven.

Nicht alle können den Energiespeicher auffüllen

In den kritischen Bereich könnten dadurch vor allem kleine Tiere geraten.
"Eine Kohlmeise verliert schon in einer normalen Nacht etwa zehn Prozent ihres
Körpergewichts", erklärt der Wildtierbiologe. Gerade bei sehr kalter Witterung
kann es Vögeln wie Zaunkönig und Wintergoldhähnchen schwer fallen, ausreichend
Energie nachzufuttern, wenn sie über Tage hinweg immer wieder von Böllern
aufgeschreckt werden und wenig Zeit zur Futtersuche haben.

"Jedes Jahr berichten Ornithologen am 1. Januar von erkennbar verstörten
Vogelschwärmen und von fluchtartig verlassenen, leergefegten Ruheplätzen, die
sonst immer voll sind mit überwinternden, rastenden Vogelscharen", heißt es beim
Naturschutzbund (Nabu) Hessen. "Und das zu einer Jahreszeit, in der jede
unnötige Beunruhigung der Tiere unterlassen werden sollte, damit die notwendigen
Energiereserven, um über den Winter zu kommen, nicht vorzeitig aufgezehrt werden
müssen."

Auch größere Tiere leiden. Igel wachen aus dem Winterschlaf auf, Rehe und
Wildschweine fliehen - beides verbraucht wertvolle Winterfettreserven, wie
Hackländer sagt. Da die erste Milch für Kitze im Mai oft aus diesen Fettreserven
gespeist werde, könne der Stress zum Jahreswechsel schlechtere Überlebenschancen
für den Nachwuchs im Frühjahr bedeuten.

Niederlande machen es vor

Dass Veränderung möglich ist, zeigen die Niederlande. Dort gibt es diesmal
die letzte Silvesternacht mit Böllern: Ab dem Jahreswechsel 2026/2027 soll nach
einem Parlamentsbeschluss ein Böllerverbot gelten. Die Mehrheit von 62 Prozent
der Niederländer steht hinter dem Verbot.

"Traditionen ändern sich, insbesondere, wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind", heißt es vom Nabu Hessen. Es gebe viele andere mögliche Rituale, um in das neue
Jahr zu starten. "Wichtig ist vielen doch das schöne Gemeinschaftserlebnis - das
Jahr muss nicht im großen Krach enden."/kll/DP/he

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